Einst lebte Taghreed Kasem Jabur mit ihrer Familie in der syrischen Stadt Daraa. Alles, was sie brauchten, hatten sie, sagt die junge Frau. Ihr Mann besaß eine Süßwarenfabrik. An den Wochenenden fuhren die beiden mit ihren drei kleinen Söhnen aufs Land, wo ihnen ein Olivenhain gehörte, und picknickten unter den Bäumen. "Es gab Obst, Fleisch, Wasser", sagt Taghreed, "wir waren glücklich."

Im Februar 2011 begannen in Daraa die Proteste gegen die Regierung von Baschar al-Assad. Mit ihren Söhnen Taher, heute acht, Omar, sechs, und Hamza, fünf Jahre alt, floh die 26-jährige Taghreed aus der Stadt. Vier Jahre ist es her, dass ihr Mann sie über die Grenze ins Nachbarland Jordanien schickte, erinnert sie sich und unterdrückt die Tränen. "Er sagte, er würde bald nachkommen. Ich habe nichts mehr von ihm gehört."

Seitdem harrt Taghreed in der Nähe von Amman aus, nur rund 100 Kilometer von ihrer alten Heimatstadt entfernt. Zurück kann sie nicht: In Daraa herrscht heute der IS. Weiterziehen möchte sie auch nicht, sie hofft noch auf eine Nachricht von ihrem Mann.

Wie sie sind 640.000 Syrer seit Beginn des Bürgerkriegs nach Jordanien geflohen – nach offiziellen Angaben. Hilfsorganisationen schätzen, dass es mehr als eine Million Flüchtlinge sind. Und das in einem Land, das etwa 9,5 Millionen Einwohner hat. Gemessen an der Einwohnerzahl hat nur der Libanon mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als Jordanien. 

Schulen und Kliniken offen für alle

Schülerinnen beim Fahnenappell in einer Schule in Amman © Alexandra Endres

80 Prozent der Geflohenen leben in den jordanischen Städten. Die meisten fanden in Irbid und Mafraq im Norden Unterschlupf oder in der Hauptstadt Amman. Die Flüchtlinge brauchen Wohnraum, Wasser, Strom und Jobs. Bislang durften die Syrer nicht arbeiten, aber weil sie Geld für die Miete brauchen, tun es viele illegal trotzdem. Das belastet die Kommunen und führt zu Konflikten. 

In der Hauptstadt Amman beispielsweise sind die Krankenhäuser komplett ausgelastet. Auch einheimische Patienten müssen lange auf Termine warten. Um Spannungen zu vermeiden, haben Entwicklungsorganisationen Flüchtlingsprojekte auch für Jordanier geöffnet. Und die öffentlichen Schulen richten im ganzen Land Sonderschichten ein, damit die Kinder der syrischen Flüchtlinge kostenlos Unterricht bekommen.   

Jordanien - Syrische Flüchtlingskinder gehen nachmittags in die Schule In der Al-Quds-Schule in Amman lernen Kinder in zwei Schichten: vormittags Einheimische, nachmittags syrische Flüchtlingskinder.

Die Al-Quds-Schule in Amman ist eine davon. Vormittags gehen hier rund 1.000 einheimische Kinder zur Schule, nachmittags kommen die syrischen. Gerade ist Mittagspause, Schichtwechsel. Rund 400 Kinder stellen sich klassenweise in Reihen vor der großen jordanischen Fahne auf dem Schulhof auf. Sie singen zu scheppernder Lautsprechermusik und machen danach ein paar Lockerungsübungen. Fünf Jungs in blauen Kitteln turnen vor. Dann ziehen die Kinder im Gänsemarsch in die Klassenzimmer.

26 Lehrer sind für sie an der Al-Quds-Schule neu eingestellt worden. Unicef, die EU, Deutschland und Kuwait geben Geld. Doch es reiche nicht, sagt Afaf Odeh, die Rektorin der Nachmittagsklassen. "Viele Fächer fallen weg, Kunst und Sport zum Beispiel." Dabei wäre Sport gerade für die syrischen Kinder, die oft Gewalt erlebt haben, wichtig. "Und wir haben zu wenige Lehrer. In der größten Klasse sitzen 56 Schüler."

Gemeinschaftliches Turnen vor dem Schulstart © Alexandra Endres

Im Arabischunterricht sitzen Mädchen und Jungs gemischt, der Älteste ist 13, die Jüngste neun Jahre alt. Die Grundschüler lernen Frageformen. Ihre Eltern sind Schneider, Metzger, Bauarbeiter. Die Kinder sind ehrgeizig, sie träumen davon, Ingenieur zu werden, Anwältin oder Pilot. Aber alle vermissen sie Syrien.

Fast 100 Doppelschichtschulen gibt es in Jordanien, manche unterrichten sogar in drei Schichten. Dennoch geht rund ein Drittel der geflüchteten syrischen Kinder im Land nicht zum Unterricht – weil die Eltern sie arbeiten schicken, oder weil sie länger als drei Jahre nirgendwo gelernt haben und die Behörden sie deshalb nicht zurück ins Schulsystem lassen.