Die kleine Gemeinde Attawapiskat ist ein trostloser Ort. Viele Bewohner leben zusammengepfercht in kleinen Holzhütten, in Bretterverschlägen, Containern, manchmal in Zelten. Oft gibt es keine Zentralheizung, kein fließend Wasser, keinen Strom. Wenn die Abwasserleitungen mal wieder verstopft sind, pinkeln die Bewohner in Eimer, die sie im Straßengraben ausschütten.

Attawapiskat liegt jedoch nicht in der Dritten Welt, sondern in Kanada. Hoch oben im Norden des Landes, in einer isolierten Region mitten in einem Sumpfgebiet. Eine befestigte Straße dorthin gibt es nicht, nur eine kleine Flugpiste aus Schotter. Etwa 1.500 Menschen leben dort, die meisten gehören zum Stamm der Cree-Ureinwohner. Jobs gibt es nur wenige, die Arbeitslosenquote liegt bei 70 Prozent.

Seit Jahren schon steht Attawapiskat in Kanada wegen der dramatischen sozialen Lage und der Wohnungsnot in den Schlagzeilen – und auch jetzt schaut die Welt wieder auf das Dorf unweit der James Bay. Am Wochenende mussten die Ältesten zum fünften Mal seit 2006 den offiziellen Notstand ausrufen, dieses Mal, weil das Dorf von einer beispiellosen Selbstmordserie heimgesucht wird.

"Bitte betet für Attawapiskat", flehte der zuständige Häuptling Bruce Shisheesh am Dienstag über Twitter. Am Wochenende hatten elf zumeist junge Leute versucht, sich das Leben zu nehmen. Am Montag kündigten weitere 13 ihren Suizid an. Weil das örtliche Krankenhaus überfüllt ist, musste ein Teil der Patienten im Gefängnis auf eine psychologische Betreuung warten.

Die jüngsten Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs: Nach Angaben des Gemeinderates von Attawapiskat hatten alleine im März 28 Menschen versucht, sich selbst zu töten. Seit dem Herbst waren es mehr als 100, fast acht Prozent der Bevölkerung. Der Jüngste war gerade einmal elf Jahre alt, der älteste 71.

20 Verwandte in einer Zweizimmerwohnung

Mindestens eine junge Bewohnerin starb: Sheridan Hookimaw war nur 13 Jahre alt und galt als kluges Mädchen, als sie sich im Oktober das Leben nahm. Angehörige erzählen, dass sich Hookimaw in der Schule gemobbt gefühlt habe. Wie so viele in Attawapiskat litt auch sie unter chronischem Lagerkoller: Über Monate hatte sie mit 20 Verwandten in einer  Zweizimmerwohnung gelebt. Sie war an Depression, Diabetes und Asthma erkrankt – bis sie ihrem seelischen und körperlichen Leid ein Ende setzte.

Fälle wie diese gibt es in dem Ort zuhauf. "Ich habe mich einsam und alleine gefühlt und wollte nur noch, dass der Schmerz verschwindet", berichtete ein siebzehnjähriges Mädchen dem kanadischen Sender CBC, nachdem auch sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. "Ich trug so viel Ballast in mir, ich wollte ihn einfach nur noch abwerfen und loswerden."