Auf dem Hügel liegen zwei Lager. Das eine ein Gefängnis, eingezäunt und stacheldrahtbewehrt. "Moria", gedacht für 2.000 Personen, beherbergt momentan 2.500 Menschen, schätzt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Manche sprechen von 3.000 oder gar 3.500, so genau weiß man es nicht. Das andere Lager begrüßt seine Gäste mit einem großen, bunten Schild, quer über dem immer offenen Eingang: "Welcome", willkommen, in einem Dutzend Sprachen. "Better days for Moria" heißt dieses Camp, bessere Tage für Moria. Für ein paar Monate war es die freundlichere, von Freiwilligen organisierte Alternative zum großen Lager nebenan. Nun liegen noch ein paar bunte Bälle zwischen den Zelten und über Wäscheleinen hängen zwei einsame Schwimmwesten, längst getrocknet. Seit dem 20. März steht das Lager leer. Morias bessere Tage sind vorbei.

An der Ostküste der griechischen Insel Lesbos wird an diesem Wochenende die Kehrtwende der europäischen Asylpolitik offensichtlich. Am morgigen Montag soll das beginnen, was die EU "Rückführung illegaler Migranten" in die Türkei nennt, 750 zuerst in drei Tagen. Deshalb ist Moria zum Gefängnis geworden. Von hier sollen Flüchtlinge in Busse und dann auf Fähren verladen werden, ohne Umweg direkt zurück im Eilverfahren. Ein Signal soll ausgehen von Europa an die Schlepper und die Flüchtlinge: So kommt ihr hier nicht rein.

Was in den Konferenzsälen in Brüssel wie eine vernünftige politische Lösung erscheinen mag, wirkt hier, aus der Nähe, absurd.

Helfer wollen keine Gefängniswärter sein

Die Helfer von Better days for Moria möchten noch immer helfen. Aber sie dürfen nicht. Die Pakistani und die anderen, die hier lebten, hat die griechische Polizei am 20. März abgeholt und in das große Lager nebenan gebracht. Ebenso alle, die bis heute auf der Insel ankommen. Hinter ihnen verschließen die Polizisten Tore, niemand darf mehr hinaus. So steht es im EU-Türkei-Abkommen, das hier alle nur den "Deal" nennen.

Als das Lager zum Gefängnis wurde, sind die meisten Helfer abgezogen. Sie wollten keine Gefängniswärter sein. Und nebenan im leeren Alternativcamp sitzen die Helfer zwischen dem Kinderzelt und dem Küchenzelt und sind wütend vor Hilflosigkeit. Abbauen wollen sie noch nicht, auf keinen Fall. Wer weiß, was hier noch passiert, wer weiß, wie sich der ständige Ausnahmezustand auf dieser Insel noch entwickelt. Doch ihre 24-Stunden-Hilfe im eigenen Ärztezelt zum Beispiel haben sie einstellen müssen. Die Leute aus Moria dürfen ja nicht mehr raus zu ihnen. Und sie dürfen mit ihrer improvisierten Notfallpraxis nicht rein. Hat die Polizei verboten.

Das Lager der Helfer ist leer. © Lenz Jacobsen für ZEIT ONLINE

Vorne am Haupteingang von Moria steht jetzt Michele Telaro in der Nachmittagssonne. Er trägt Dreitagebart und das ernste, düstere Gesicht eines Menschen, der aufgezehrt wird von seiner Aufgabe. Telaro ist Projektleiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos. Gerade war er, wie jeden Tag, kurz im Lager und hat versucht, sich einen Überblick zu verschaffen. "Es ist Chaos da drin", sagt er und schüttelt resigniert den Kopf. Seine Kollegen haben Moria schon vor über zwei Wochen verlassen, und wenn man ihn nach dem Grund fragt, schaut er kurz ungläubig und deutet dann hinüber, auf den dicken Nato-Stacheldraht auf den Zäunen. Auf die patrouillierenden Polizisten dahinter, auf das hohe, verschlossene Eisentor. "Deshalb", sagt Telaro nur.