Nun erleben die Europäer angesichts der Lage auf den griechischen Inseln deutlicher als je zuvor, dass die EU nicht einmal in ihren eigenen Grenzen diese Rechte einhält. Das ist der Grund für die Scham am Zaun von Moria. Auch die Reichweite der eigentlich globalen Menschenrechte beschränkt Europa, wenn es innenpolitisch nötig scheint. Die Abschiebung in die Türkei drängt die illegalen Migranten noch weiter hinaus in die Peripherie der europäischen Politik – dorthin, wo die EU trotz ihrer Beteuerungen weniger tun kann für ihre Lebensbedingungen, für ihre Rechte. Wo sie auch weniger verantwortlich ist.

Sie hat Gründe dafür. Familie, Nachbarn, Mitbürger, das eigene Land – zu ihnen ist die Bindung in der Regel enger als zu fremden Migranten irgendwo in der Türkei. Auch wenn das für Universalisten bitter klingt. Benhabib schreibt: "Als Bewohner der Spätmoderne sind wir in einem permanenten Tauziehen zwischen universellen Ideen und partikularen Bindungen befangen."

Der EU-Türkei-Deal ist nur die neueste Runde in diesem Kampf, das Gefängnis auf Lesbos der prominente Schauplatz. Die Migranten sind hier im doppelten Sinne Grenzfälle. Geographisch, wenn sie die Linie überschreiten, die Europa für sein Gebiet und damit die formale Reichweite seiner Rechte festgelegt hat. Und politisch, weil Europa an ihnen verhandeln muss, welche Privilegien sie diesen Anderen vorenthält und welche globalen Rechte sie ihnen zugesteht.

Benhabib war 2004, als ihr Buch Die Rechte der Anderen erstmals erschien, optimistisch. Sie hoffte, dass die exklusiven nationalen Rechte irgendwann in einem "Weltbürgerrecht" aufgehen würden, das "alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins" zusteht. So wie es sich Immanuel Kant einst ausgemalt hatte. Als Vorbild für diese fortschreitende "postnationale Solidarität" nannte Benhabib, natürlich, Europa.

Doch es gibt kein Gesetz des linearen Fortschritts hin zu einer immer liberaleren, universelleren Politik. Auch wenn man das in den vergangenen Jahrzehnten in Europa vergessen konnte: Grenzen können wieder hochgezogen, theoretisch längst gewährte Rechte in der Praxis verwehrt werden – so wie jetzt in Idomeni und auf den griechischen Inseln.

Das ist für Universalisten kein Grund zur Panik. Man muss die aktuellen Ereignisse nicht gleich als Schubumkehr deuten im von Benhabib beschriebenen Kampf zwischen begrenzten politischen Souveränitätsgemeinschaften und unbegrenzten Rechten. Diese eine Runde geht an die Begrenzer. Doch es werden viele weitere folgen. Ihr Ausgang ist offen.