Schon an Tag zwei ist es wieder ruhig im Hafen von Mytilini auf Lesbos. Kein Journalisten- und Kamerapulk mehr, und vor allem: keine Fähren mehr, auf die Flüchtlinge Richtung Türkei verladen werden. Nicht von Lesbos und auch nicht von Chios. Die sogenannte Rückführung illegaler Migranten, das Kernstück des EU-Türkei-Deals, stockt schon kurz nach Beginn.

Die symbolisch wichtigen Bilder der Richtung Türkei ablegenden Fähre sind jetzt um die Welt gegangen. Doch über die 136 Menschen auf diesen Booten, die meisten Pakistani, die anscheinend gar nicht erst Asyl beantragt hatten, sagte selbst die Frontex-Sprecherin im Hafen von Lesbos: "Ich hasse es, das zu sagen, aber das waren die einfachen Fälle."

Der schwere Teil beginnt erst jetzt.

Denn mittlerweile haben nach Auskunft des Flüchtlingshilfswerks UNHCR von 3.353 auf Lesbos registrierten Flüchtlingen mindestens 2.860 ihrem Wunsch nach Asyl in Griechenland Ausdruck verliehen. Die allermeisten von ihnen haben bisher nur eine Art Wartenummer erhalten, einen kleinen Zettel mit einer vierstelligen Zahl. Tatsächlich begonnen hat erst ein Bruchteil der Asylverfahren.

Bisher hatten die allerwenigsten Flüchtlinge auf den griechischen Inseln um Asyl gebeten, sie wollten lieber unregistriert weiterziehen in andere europäische Länder. Nun ist das erstens wegen der geschlossenen Grenze zu Mazedonien und der Umwidmung der Lager auf den Inseln zu Gefängnissen nahezu unmöglich geworden. Und zweitens scheinen die allermeisten in diesen Gefängnissen nun verstanden zu haben, dass ein Asylantrag in Griechenland momentan ihre beste Chance ist, die Abschiebung zurück in die Türkei zumindest zu verzögern.

Raus aus Europa, so will es die EU

Dazu haben auch die Aktivisten auf der Insel beigetragen: Einige waren am Montag, nachdem die ersten Fähren abgelegt hatten, hinaufgelaufen zum Gefängniscamp Moria, hatten die Insassen an die Zäune gerufen und auf sie eingeredet, um Asyl zu bitten.

Nun, nach diesen Tausenden neuen Anträgen, ist Maria Stavrapoulou am Zug. Sie ist die Leiterin der griechischen Asylbehörde. Ihre Mitarbeiter sollen jedes einzelne Asylverfahren auf den griechischen Inseln eigentlich nach maximal zwei Wochen abgeschlossen haben – und zwar möglichst mit einem negativen Bescheid. Damit Menschen zurück auf die Fähren in die Türkei gesetzt werden können. Raus aus Europa. So will es die EU.

Das Problem aber ist: Maria Stavrapoulou hat dafür nur 295 Mitarbeiter im ganzen Land. Bisher dauern die Verfahren nicht wenige Tage, sondern drei Monate. Eigentlich, sagte sie schon am Freitag, bräuchte sie nun 20-mal mehr Mitarbeiter. Da sie die nicht hat, soll Europa aushelfen. 150 Polizisten aus anderen Ländern arbeiten mittlerweile unter Frontex-Koordination auf der Insel. Darunter zum Beispiel deutsche Bundespolizisten, die im Schichtdienst das sogenannte Screening übernehmen, also das erste Gespräch mit den Asylbewerbern. Hinzu kommen Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Davon sind aber erst zwölf überhaupt im Land, wovon wiederum acht erst seit Sonntag in Griechenland im Eilverfahren zusammen mit internationalen Kollegen geschult werden, bevor sie am Mittwoch nach Lesbos kommen. Das alles ist ziemlich weit weg von Stavrapoulous geforderter Verzwanzigfachung.

Das Problem ist aber nicht nur der Mangel an Mitarbeitern. Die gesamteuropäische Kraftanstrengung auf den griechischen Inseln hat auch Koordinationsprobleme. Denn so gern sehen es die griechischen Beamten nicht, dass nun Kollegen aus anderen Ländern dabei mitreden, welche Menschen in Griechenland bleiben dürfen und welche nicht. Das ist schließlich eine hoheitliche Aufgabe, weswegen die deutschen und all die anderen den Griechen nur zuarbeiten dürfen. Diese Zusammenarbeit scheint, das ist aus dem Camp Moria zu hören, noch nicht wirklich gut zu klappen.