Internationale Medien und auch einige Politiker werten das Nein in den Niederlanden vor allem als Niederlage für die Europäische Union. Das Referendum, bei dem 61 Prozent gegen das EU-Ukraine-Assoziierungsabkommen gestimmt hatten, könnte auch in Großbritannien die Kampagne der Europafeinde für die dortige Abstimmung im Juni beflügeln, befürchten viele.

Die Europaskeptiker wiederum gaben sich hocherfreut. "Hooray" twitterte etwa Nigel Farage, Chef der britischen Rechtspopulisten Ukip, kurz nach dem Bekanntwerden des niederländischen Ergebnisses. Farage ist einer der Wortführer in der Brexit-Kampagne zum Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders twitterte triumphierend: "Das ist der Anfang vom Ende der EU."

Der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europaparlament, Manfred Weber, forderte ein Umdenken in der EU. "Wir müssen Europa demokratisieren", sagte der CSU-Politiker. Es müsse Schluss sein mit Entscheidungen in Brüsseler Hinterzimmern. Vielmehr sollten die politisch Verantwortlichen stärker auf die Bürger zugehen, für Europa werben und zeigen, dass sie deren Sorgen ernst nehmen.

Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaitė sieht das Referendum als Zeichen der Unzufriedenheit mit der EU. "Der Ausgang des Referendums spiegelt den Wunsch der niederländischen Bürger wider, Änderungen in der EU herbeizuführen und sie offener für ihr Volk zu machen."

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte, das niederländische Ergebnis stimme ihn traurig. Nun sei zunächst die Regierung in Den Haag am Zug: "Es ist nun zuallererst an der niederländischen Regierung, das Ergebnis zu analysieren und über das weitere Vorgehen zu entscheiden." 

Die EU beteuerte zudem, dass das Referendum in den Niederlanden vorerst keine Auswirkungen auf die bereits angewendeten Vereinbarungen mit der Ukraine haben werde. "Das EU-Ukraine-Abkommen wird weiter vorläufig angewendet werden", teilte EU-Ratspräsident Donald Tusk mit. Er wies darauf hin, dass abgesehen von den Niederlanden bereits alle anderen 27 EU-Mitgliedstaaten das Abkommen ratifizierten. Er werde nun Gespräche mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte führen. "Ich muss von ihm hören, welche Schlussfolgerungen er und seine Regierung aus diesem Referendum ziehen, und was seine Absichten sind."

Zuversichtlich zeigte sich auch die Ukraine. Die Kooperation mit der EU stehe durch die Abstimmung nicht infrage, sagte Staatschef Petro Poroschenko. "Strategisch gefährdet es den Weg der Ukraine nach Europa nicht." Sein Land habe allerdings "auf ein besseres Ergebnis gehofft", sagte Außenminister Pawlo Klimkin. "Bei der praktischen Umsetzung ändert sich nichts. Das Abkommen wird wie bisher vorläufig angewendet." Der Freihandel, der Teil der Vereinbarung ist, entwickele sich weiter. Wie Poroschenko wertete der Minister die Abstimmung vor allem als Test "der Einstellung der Holländer zu Europa". Das Referendum sei nicht bindend.

Ein katastrophales Jahr für die EU

Viele internationale Medien konzentrierten sich in ihren Kommentaren zum niederländischen Abstimmungsergebnis auf die Folgen für die Abstimmung über einen möglichen EU-Austritt in Großbritannien. "Die Befürworter des Brexit haben sich gestern Abend angesichts des Ergebnisses in den Niederlanden die Hände gerieben", schreibt die liberale spanische Tageszeitung La Vanguardia. Ursache für das Votum in den Niederlanden sei das Unbehagen vieler Bürger gegenüber der Einwanderung und die Befürchtung, die Ukraine könne zu einem weiteren Gast am Tisch der Europäischen Union werden. So sei die EU "in einem katastrophalen Jahr" weiter geschwächt worden.

Auch die französische Regionalzeitung Dernières Nouvelles d'Alsace befürchtet weitreichende Folgen. "Diese Befragung kann gut ein Beginn sein und den Weg freimachen für eine viel größere Bewegung, die sich in dieser oder anderer Form über andere Länder erstrecken könnte." So gebe es ein "Risiko eines Übergreifens" vor allem für Großbritannien, auch dort könnten nun die Euroskeptiker Erfolg haben. Jeder Fehler der EU bewirke "eine Schneise für Euroskeptiker".

"Doppelte Ohrfeige"

Ähnlich sieht es der österreichische Kurier: "Die EU rutscht noch tiefer in die Krise" durch das Votum in den Niederlanden. "Das Resultat zeigt, dass es den EU-Gegnern gelungen ist, die Ukraine-Abstimmung zu benützen, um der EU und auch den Niederlande eine schallende Ohrfeige für die Flüchtlingspolitik (…) zu verpassen." Die Folge: "Die EU-Gegner fühlen sich gestärkt und nationalistische Tendenzen nehmen zu."

Auch Spiegel Online nutzt das Bild der Ohrfeige, und zwar sei das niederländische Ergebnis gar eine "doppelte Ohrfeige" für die EU: auf der einen Seite das eindeutige Nein-Votum und auf der anderen Seite die geringe Wahlbeteiligung, die zeige, "dass rund 70 Prozent der Bevölkerung an einer so wichtigen europäischen Frage schlicht kein Interesse haben oder aber glauben, ihre Stimme habe ohnehin kein Gewicht". Neben der niederländischen Regierung sei vor allem die EU-Politik der letzten Jahre schuld. "Das katastrophale Bild einer zerstrittenen und desorganisierten Gemeinschaft, das die EU in der Griechenland-Krise geboten hat, und die Orgie des Egoismus osteuropäischer Staaten in der Flüchtlingskrise dürften dazu beigetragen haben, dass jene Sorgen, die den Nein-Befürwortern in den Niederlanden nun zupass kamen, überhaupt existieren."

In den Niederlanden herrscht zunächst der Blick nach innen vor. Die Amsterdamer Zeitung de Volkskrant spricht von einer "Niederlage des Establishments", der "kosmopolitisch denkende Niederländer" sei dem Euroskeptiker unterlegen. Zudem erinnert die Zeitung an das Referendum über die EU-Verfassung im Jahr 2005. Schon damals hatten mehr als 60 Prozent der Wähler gegen Europa gestimmt. Und schon damals hätten die Niederlande ihren europäischen Bündnispartnern "eine unerwartete Seite" gezeigt: "nicht die eines mehrsprachigen, auf Zusammenarbeit orientierten Kosmopoliten, sondern die eines besorgten Wählers, dem zu viel Macht und Kontrolle nach Brüssel abfließt".