Ausgerechnet GeenStijl! Die ungehobelten, effektheischenden Blogger, die Interviewpartner gerne nerven und vorführen (selbstironische Beschreibung: "tendenziös, unbegründet und unnötig verletzend"); die für ihr kultiviertes Misstrauen gegenüber angeblichen Eliten verpönt und geliebt werden – ausgerechnet diese vermeintlich Asozialen der niederländischen Journalistik also sammelten im Verbund mit dem eurokritischen Burgercomité EU und dem konservativen Think Tank Forum voor Democratie die nötigen Unterschriften für eine Volksbefragung, führten wild entschlossen eine Kampagne und landeten schließlich am vorläufigen Ziel ihrer Wünsche: ein Mittelfinger Richtung Brüssel. Worauf hin ganz Europa ungläubig bis entsetzt auf die Niederlande blickt.

In der allgemeinen Erregung fällt aus dem Blick, dass zwei Drittel der Wahlberechtigten gar nicht erst antraten – aus Desinteresse oder basierend auf der Strategie, das Referendum an der Hürde von 30 Prozent Mindestwahlbeteiligung scheitern zu lassen. Die Initiatoren des Referendums bezeichnen dieses gerne als "Fest der Demokratie". Wenn man ausschließlich deren direkte Anwendung zum Maßstab nimmt, mag "Fest" zutreffen. Nur: Eine große Mehrheit der Eingeladenen blieb der Party eben lieber fern.

Dessen ungeachtet steht am Ende dieser turbulenten Tage eine Erkenntnis: Das im Ausland für Kopfschütteln sorgende Referendum zum Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine erweist sich als Vergrößerungsglas. Darunter wird eine Gesellschaft sichtbar, die elementare Gegensätze aufweist. Die Niederlande mögen topographisches Flachland sein, doch in ihrer politischen Kultur tun sich Schluchten auf.

Elite und Volk: das klingt natürlich schwer überstrapaziert und die Kategorien sind analytisch zweifelhaft. Was nichts daran ändert, dass diese vermeintliche Konfliktkonstellation seit 15 Jahren eine der Triebfedern des politischen Diskurses in den Niederlanden ist. Zum Ausdruck gebracht hat sie erstmals Pim Fortuyn, der ermordete Volkstribun. Die biedere Restauration unter Premier Jan Peter Balkenende setzte auf Zusammenhalt und Werte, konnte aber die wachsende Polarisierung nicht aufhalten.

Die angebliche Bedrohung kommt wahlweise von Ali, Den Haag oder Brüssel

2006 begann die Partij voor de Vrijheid (PVV) im Namen des Volkes Kampagnen zu führen, und die Zentrifugalkräfte kamen zur freien Entfaltung. Das von Geert Wilders erdachte Durchschnittspaar "Henk und Ingrid", mittleres Alter, eher knappes Einkommen, kein Migrationshintergrund, ist allseits bekannt. Bedroht wird ihr Glück wahlweise von "Ali und Fatima", Osteuropäern mit langen Fingern und niedrigen Lohnstandards oder von Den Haag. Der Regierungssitz mit seinen vermeintlich abgehobenen Beamten hat in diesem Narrativ die Funktion und Beliebtheit von Babylon in Rastafari-Kreisen.

Den Haag also hat sich zunehmend von den Bürgern entfernt, so beschwören es die PVV, der Telegraaf oder auch GeenStijl (das zur Telegraaf-Mediengruppe gehört). Brüssel hingegen war schon immer weit weg. Doch erst in den letzten Jahren erhielt die EU-Hauptstadt als Symbol vermeintlicher Fremdbestimmung Einzug in die Wahlkampfrhetorik. Die PVV trommelte für Euro-Ausstieg und "Nexit" und widmete die gesamte Kampagne zur Europawahl 2014 dem Kampf gegen den "europäischen Superstaat".

Welche Breitenwirkung dies hat, zeigt sich an Premier Mark Rutte, in dessen liberaler Partei VVD sich gelegentlich Euroskepsis regt. Rutte versteht sich zwar grundsätzlich als Europäer, zugleich aber betont er kontinuierlich die Grenzen der europäischen Integration. Selbst als er im Winter die Prioritäten des aktuellen niederländischen EU-Vorsitzes präsentierte, mahnte Rutte an, dass bestimmte Befugnisse besser bei den nationalen Parlamenten aufgehoben seien.

Es zeigt sich aber auch an Thierry Baudet, als Vorsitzender des Forum voor Democratie, Co-Initiator des Referendums und seinem intellektuellem Gesicht. Baudet ist kein Schreihals und kein Provokateur, sondern ein junger Konservativer mit guten Umgangsformen und freundlichem Tonfall. In diesem kritisiert er in der Nacht nach dem Referendum die "europäische Ideologie". Sie ignoriere Kulturen, Eigenheiten, Unterschiede und tische ihren Bürgern stattdessen "Einheitswurst" auf, so Baudet.

Ungleicher Kampf

Solcherart ist der Rahmen des Referendums vom Mittwoch, das all diese Gegensätze deutlicher denn je zum Ausdruck brachte. Zu sehen waren sie aber schon vorher. Da waren auf der einen Seite die Gegner des Ukraine-Abkommens, die leidenschaftlich Kampagne führten und nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen hatten. Manche von ihnen gaben offen zu, dass sie lieber über einen EU-Austritt abstimmen würden. Das mag man inhaltlich ablehnen, strategisch aber war es schlau – wussten sie doch, dass ihnen die Befürworter des Assoziierungsvertrags auf dieses Terrain nicht folgen würden. Sowohl in der liberal-sozialen Koalition als in den meisten Oppositionsparteien beharrte man nämlich darauf, dass die Abstimmung um nichts andere ging als die EU-Handelsbeziehungen mit der Ukraine.

Fraglos sind das ungleiche Voraussetzungen. Die einen rühren mit der großen Kelle an, bemühen Kategorien wie Identität und Mitsprache, während die anderen mit Bilanzen und Zahlen argumentieren müssen, und mit der Hoffnung, dass diese der Ukraine einst zur Stabilität gereichen werden. Der durchaus niedrigere Elan auf Seiten der Vertragsbefürworter erklärt sich aber auch daraus, dass man diese Debatte eigentlich nicht führen wollte und man sie als aufgezwungen erlebte. Auch ein kleiner, aber nicht unerheblicher Dünkel gegenüber GeenStijl mag eine Rolle gespielt haben.

Vielleicht sollte man, um die Tiefe der Gräben zu ermessen, die Zeit als Kriterium hinzuziehen. Der heutige Innenminister Ronald Plasterk nämlich reagierte einst auf eine verheerende Wahlschlappe seiner Sozialdemokraten mit dem Plan, den Marktplatz des Ijsselmeer-Städtchens Volendam zu besuchen. Dort wollte er "fragen, was wir anders machen müssen". Der Ort war nicht zufällig gewählt: Die anti-europäische PVV hatte dort die absolute Mehrheit nur knapp verfehlt. Es handelte sich übrigens um die Europawahlen von 2009.