Wenn Wladimir Putin sein Land in den Kampf ruft, tut er das entschieden und ohne Umschweife. Wie im Dezember 2013, als er in seiner Rede vor der föderalen Versammlung im prächtigen Sankt-Georgs-Saal des Kremls Offshore-Kapitalen den Krieg erklärte. "Ein Fünftel der russischen Exporte, russische Waren im Wert von 111 Milliarden Dollar, kommen durch Offshore-Firmen auf den Weltmarkt. Die Hälfte der russischen Investitionen im Ausland gehen in Offshore-Firmen, 50 Milliarden Dollar. Hinter diesen Zahlen steht die Flucht von Kapital, das in Russland hätte versteuert werden müssen!" Tosender Applaus. Keiner der Anwesenden hätte sich getraut, Putins Forderung nach mehr Transparenz infrage zu stellen.

Heute geht das drei Jahre alte Putin-Video bei den russischen Regierungskritikern um. Die Reaktion: Galgenhumor. Ist der Kampf gegen Offshorisierung etwa gescheitert? War Putins Vorstoß im vergangenen Jahr – eine Amnestie bei Rückholung von Kapital nach Russland – gänzlich erfolglos? Bringen neue Berichtsvorschriften für ausländisches Kapital rein gar nichts?

Die Fragen sind für Anti-Korruptionsaktivisten wie Alexej Nawalny keine Antwort wert: Der Kampf ist keiner, weil er Putins Freunde aussparte. Putins Ansprache von 2013 führt aus der Sicht der Aktivisten nur die Scheinheiligkeit der russischen Eliten vor.

Die Panama Papers belegen das, wovon Putin-Kritiker ohnehin ausgehen: Engste Mitstreiter des russischen Präsidenten verfügen über obskure Briefkastenfirmen in Panama und auf den Britischen Jungferninseln, sie sind in zweifelhafte, rückdatierte Aktiengeschäfte verwickelt, sie zahlen Entschädigungen für angeblich geplatzte Aktiengeschäfte und Honorare für nicht näher bestimmte Beratungsleistungen – so wandert das Geld aus den Budgets von Staatsunternehmen wie Rosneft auf sichere Auslandskonten.

Der wichtigste Schattenmann dabei ist Sergej Roldugin, Cellist, Dirigent, Putins Jugendfreund und Pate seiner ältesten Tochter. Der Musiker blieb selbst nach der Krim-Annexion unter dem Radar der europäischen und amerikanischen Wirtschaftssanktionen, den zwei Milliarden Dollar auf seinen Auslandskonten zum Trotz. "Jungs, ehrlich gesagt kann ich im Moment keine Kommentare abgeben. Woher das Geld kommt, wem es gehört, das weiß ich. Das sind delikate Dinge", antwortete der Maestro den Journalisten der regierungskritischen Nowaja Gaseta bei einem Kontaktversuch.

So spricht ein Mann, der nichts zu befürchten hat, jedenfalls in Russland. Der Kreml hat über den Putin-Pressesprecher Dmitri Peskow – der laut den Panama Papers selbst mit einer Offshore-Firma auf den Britischen Jungferninseln verbunden ist – die Enthüllungen bereits vor Tagen als eine drohende "Informationsattacke" auf den russischen Präsidenten bezeichnet, eine "Kampagne", die eine "Beeinflussung der Situation in Russland zum Ziel hat." Heute hieß es, in den Panama Papers stehe "nichts Neues und nichts Konkretes" über Putin. Damit ist die Sache für den Kreml erledigt.

Was die Recherche internationaler Medien im Falle des Putin-Сlans wie unter dem Mikroskop zeigt, gilt in Großaufnahme längst als Konsens: Wer in Russland reich wird, schafft eben das Geld ins Ausland. Die britische NGO Tax Justice Network hat bereits vor vier Jahren vorgerechnet, dass reiche Russen seit 1990 mehr als 800 Milliarden Dollar in Steueroasen geschafft haben. Im vergangenen Jahr sagte der französische Ökonom Thomas Piketty, Russland werde durch Kapitalflucht "bestohlen". Dabei ist sie seit Jahren eine gängige Praxis, nicht nur von Unternehmen, die sich vor politischer Instabilität des Putin-Regimes fürchten.