Deutschland und die EU schließen derzeit mit mehreren autoritär regierten Ländern am Mittelmeer eine Serie von Abkommen. Es geht neben allerlei Wirtschaftlichem vor allem um den Umgang mit Migranten. Derzeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein deutscher Minister "beeindruckende" Präsidenten trifft – wie es Vizekanzler Gabriel jüngst in Ägypten formulierte. Am Samstag wird Kanzlerin Merkel die Türkei besuchen und mit der türkischen Führung die Flüchtlingskrise erörtern.

Ein wichtiges Wort, das bei all diesen Treffen fällt, ist Stabilität. Vor allem die autoritären Gastgeber benutzen es gern. Sie wollen damit auf ihren größten Vorzug hinweisen: Auf ihre harte Hand sei Verlass. Anders gesagt: "Mit uns habt ihr keine Kuscheldemokraten, aber Männer, mit denen ihr Deals machen könnt." Die autoritären Führer sollen garantieren, dass die Routen der Flüchtlinge ins gelobte Europa kontrollierbar bleiben. Und weil man sich die Nachbarn nicht aussuchen kann, müssen EU-Politiker eben mit diesen Leuten Abkommen schließen.

Ein Dilemma. Sicherlich sollte man nicht mit der Türkei oder mit Ägypten die Beziehungen einfrieren, weil sie sich die falschen Herrscher wählen. Der Moment für Sanktionen ist nicht eine Wahl, sondern Aggression nach außen, etwa wenn ein Staat wie Russland ein Nachbarland angreift und Territorium annektiert. Das Problem mit der Türkei und Ägypten ist die Stabilitätsfalle. Der falsche Glauben, dass ein starker Mann auch ein starker Verhandlungspartner sei.

In den Wahlen fallen die Menschen leider immer wieder auf die Projektion von Stabilität herein. Das beste Beispiel lieferte die Türkei, wo die Partei von Recep Tayyip Erdoğan im Frühling 2015 die Mehrheit verlor. Dann zettelte der Mann einen Krieg gegen kurdische Milizen an, dankbar aufgenommen von den Bombenwerferregimenten der PKK, und gewann die nächste Wahl im Herbst. Stabilität war das Zauberwort im Wahlkampf, und Erdoğan gab vor, dass nur er das Land retten könne.

Das Gegenteil ist richtig. Erdoğan stürzt die Türkei ins Chaos. Das ist keine bloße Behauptung, sondern eine Tatsachenfeststellung, die sich auf die alarmierenden Wirtschaftszahlen der Türkei, den Korruptionsindex von Transparency International, die horrenden Zahlen der Toten im Kurdenkrieg und in den Terroranschlägen seit Erdoğans Politikwechsel stützt. Er ist ein Destabilisator.

Vorsichtig schmeicheln

Sein arabisches Gegenüber sitzt in Kairo, der Putschpräsident Abdel Fattah al-Sissi. Der Mann versprach Stabilität, als er im Juli 2013 die mehr schlecht als repressiv regierenden Muslimbrüder aus den Ämtern vertrieb. Sissi versprach Aufschwung und Stabilität. Was seither folgt, ist eine Serie furchtbarer Terroranschläge, der wirtschaftliche Absturz und die Notwendigkeit, aus Dankbarkeit für finanzielle Unterstützung zwei Inseln an Saudi-Arabien abzutreten.

Diese Liste ließe sich am Mittelmeer gut fortsetzen, vor allem in Algerien, ein Land, das von innen und seinen Herrschern mehr bedroht ist, als es von außen den Anschein hat.

Entscheidend im Umgang mit den starken Männern ist also, nicht an ihre Stärke zu glauben. So ein beeindruckender Präsident kann – wie im Arabischen Frühling gesehen – jederzeit in beeindruckender Geschwindigkeit stürzen und großes Chaos hinterlassen.

Die Lehre daraus ist nicht, jeden Besuch und jeden Handschlag zu meiden. Sondern vorsichtig zu sein: mit Worten, mit Lob, mit Schmeichelei. Sich nicht auf die Seite des Herrschers zu schlagen, nicht nach dem Mund reden. Ihm respektvoll, aber nicht kameradschaftlich begegnen.

Diese Männer können guten Rat aus dem Westen schon lange nicht mehr hören, aber dennoch sollte man sie darauf hinweisen, wie sie sich durch Repression das eigene Grab schaufeln. Für Tyrannensturz gibt es massenhaft Beispiele. Ein kluges Gleichnis aus der Geschichte kann eine klare Botschaft sein. Für diese Männer ist Geschichte wichtig, denn sie wollen ja in dieselbe eingehen. "Sissi der Große" – das wär doch was. Mit Repression wird daraus nichts.

In allen Ländern gilt es sich umzusehen, wer denn im Fall der Fälle noch regieren könnte. Die starken Männer sehen solche Umsicht nicht gern. Also muss man die Opposition vielleicht mal nach Berlin einladen und Diplomaten vorfühlen lassen. Die EU schließt die Abkommen ja nicht nur mit dem Herrscher, sondern mit dem ganzen Land. Sie muss sich vergewissern, dass nach dem starken Mann nicht das Chaos, sondern nur einfach ein anderer regiert.

Wenn man nicht an Stabilität glaubt, dann kann man mit den Destabilisatoren reden. Und ist auf den Moment gefasst, in dem sie plötzlich stürzen.