Frieden. Das war die Hoffnung nach 40 Jahren Krieg. Die internationale Gemeinschaft jubelte, als die Bevölkerung des Südsudans im Jahr 2011 in einem Referendum fast einstimmig für die Unabhängigkeit plädierte. Fünf Jahre später sieht es nicht gut aus: Der Krieg ist zurück – und die Geschichte wiederholt sich.

Im vergangenen Jahr sollte ein Friedensvertrag zwischen Regierungs- und Rebellentruppen das Töten beenden. Doch die Lage ist schlecht und wird schlimmer. In ihrem Kampf greifen die Regierungstruppen und Milizen zu immer drastischeren Mitteln. Sie morden, vergewaltigen und vertreiben die Zivilbevölkerung. Mehr als 50.000 Tote hat der Bürgerkrieg im jüngsten Land der Welt bereits gefordert. Ein Viertel der Bevölkerung wurde durch den Konflikt vertrieben. Soldaten der Regierung überfallen ein Flüchtlingslager, während die Beschützer der Vereinten Nationen tatenlos danebenstehen. Mehr als die Hälfte der Menschen ist von Hunger bedroht – der Preis für Getreide hat sich innerhalb eines Jahres verfünffacht. Das Parlament ist eine Marionette, die Jahresinflation erreicht 200 Prozent und das südsudanesische Pfund verlor seit Beginn des Krieges mehr als das Zehnfache an Wert. Die schlimmste Nachricht ist jedoch: Der Krieg breitet sich weiter aus.

Dabei herrscht seit Monaten offiziell Waffenstillstand zwischen den beiden größten Gegnern, Präsident Salva Kiir und seinem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar. Doch während an einer Stelle Truppen von den Frontlinien zurückgezogen werden und es zur Annäherung kommt, flammt der Konflikt an anderer Stelle wieder auf: Bewaffnete Hirten kämpfen gegen Bauern, Dinka gegen Zande und Regierungstruppen gegen Widerstandskämpfer. Wie konnte es so weit kommen?

Fahrlässige Vereinfachung des Konflikts

Ein Motiv für den anhaltenden Krieg im Südsudan findet sich bereits im Friedensabkommen von 2005. Der zwischen der sudanesischen Regierung und der Sudan's People Liberation Army verhandelte "Allumfassende Friedensvertag" schanzte die Regierung des südlichen Sudan der stärksten Fraktion zu. Alle anderen Parteien wurden außen vor gelassen – dieses Versäumnis rächt sich bis heute. Auch das Friedensabkommen vom August 2015 drehte sich fast ausschließlich um die Bedürfnisse der zwei gewaltbereitesten Akteure, alle anderen blieben erneut unberücksichtigt. Selbst die Sprache wurde dieses Mal auf fast Orwell'sche Art reduziert: Die Sudan People's Liberation Army kämpft gegen die Sudan People's Liberation Army in Opposition, oder kurz SPLA gegen SPLA-IO. Es geht nicht um Inhalte, nicht um verschiedene Weltanschauungen – es geht um Macht. Die Parteien sind austauschbar und einzelne Führer wechseln opportun die Seiten. Nicht Gespräche und Kompromisse, sondern Gewalt bildet die herrschende politische Ausdrucksform.

Es gibt noch zwei weitere Faktoren, aufgrund derer der Südsudan nicht zur Ruhe kommt: Der Diktator Salva Kiir hält sich verzweifelt an der Macht – notfalls mit Überwachung, Repressionen und Gewalt gegen sein eigenes Volk. Und: Der Südsudan dient als Austragungsort für einen Wettstreit um die regionale Vormachtstellung. Uganda verteidigt seinen Einfluss im Land mittels Soldaten und Luftangriffen aufseiten der Regierung. Der Sudan hingegen sieht in Uganda seinen Erzfeind und unterstützt auch darum die Rebellen im Kampf. Äthiopien möchte als Federführer der Friedensverhandlungen international punkten und dadurch regional an Macht gewinnen, was wiederum Uganda und den Sudan davon abhält, den Prozess zu unterstützen. Diese zwei Faktoren erinnern an die politischen Dynamiken im Syrien-Konflikt. Während es dort bereits heute ein Vielfaches an Toten und Geflüchteten gibt und der Konflikt nun stagniert, steht dem Krieg im Südsudan die höchste Eskalationsstufe womöglich noch bevor.

Zulauf für bewaffnete Gruppen

Die florierende Handelsstadt Mundri im Bundesstaat Western Equatoria war 2014 offiziell noch nicht vom Konflikt betroffen. Doch im Kontext des Bürgerkriegs interpretierten die Bewohner den Einmarsch bewaffneter Hirten aus einem Nachbarbundesstaat als Regierungsanordnung zur Vertreibung der lokalen Bauern. Die Regierung hingegen sah in dem Frust und den kritischen Stimmen der Bevölkerung eine Unterstützung der Opposition. Anfang 2015 verschärfte sich die Situation zunehmend – der Geheimdienstchef wurde getötet, Regierungstruppen rückten ein, schließlich formierte sich breiter Widerstand, auf den von der Regierung mit roher Gewalt geantwortet wurde. Mittlerweile ist die Stadt zum Großteil entvölkert.

Die Eskalation in Mundri ist ein Beispiel dafür, welche Entwicklungen im Südsudan insgesamt drohen. Dem Gouverneur von Western Equatoria State warf die Regierung vor, die sich langsam formierenden Widerstandsgruppen im Bundesstaat weiter anzuheizen. Sie setzte ihn darum trotz fehlender Beweise ab und brachte ihn hinter Gitter. Seitdem verzeichnen die bewaffneten Gruppen dort enormen Zulauf und die Kämpfe mit der Regierung breiten sich aus – die Maßnahmen der Regierung gegen Aufstände führen selbst zu Aufständen. Die jüngste Neugliederung der Bundesstaaten wird diese Art Konflikt auch an weitere Orte tragen: So finden sich die ethnischen Fertit in Raja auf einmal im neuen Bundesstaat Lol wieder, der aber ethnisch von den Dinka dominiert wird, dem Stamm des Präsidenten. Auch dort wehren sich die Bewohner gegen ihre Enteignung.

Frieden neu verhandeln

Die Hoffnung und auch der internationale Druck, dass das jüngste Friedensabkommen den Konflikt beilegen würde, waren vergeblich. Der Frieden muss neu verhandelt werden – aber unter gänzlich anderen Bedingungen. Es gibt keine zwei Seiten im Konflikt, und wenn doch, heißen sie nicht SPLA und SPLA-IO, sondern die Bürger des Landes und die bewaffneten Gruppen aus beiden Lagern. Es gibt südsudanesische Stimmen und lokale Ideen für den Frieden. Verhandlungen über die Zukunft des Landes müssen darum von Bürgerinnen und Bürgern geleitet werden, nicht von Milizenführern. Solange die einzig effektive Politikgestaltung durch den Lauf eines Gewehres führt und in massiver Repression endet, wird sich der Konflikt in weitere Teile des Landes ausbreiten und der halbherzige Waffenstillstand der zwei größten Parteien bald wieder enden. Erst wenn Macht und Einfluss auf friedlichem Wege zu gewinnen sind, wird der Südsudan Stabilität finden. Ein wirkliches Friedensabkommen darf nicht auf ein Entgegenkommen der Kriegsfürsten warten, sondern muss selbst die friedliche Nachkriegsordnung einleiten.

Mitarbeit: Isabella Pinno und Judith Zimmermann