US-Außenminister John Kerry hat die trügerische Waffenruhe in Syrien vor einigen Wochen in Moskau so beschrieben: Sie habe es den Menschen ermöglicht, "zu schmecken und zu riechen", was es bedeute, wenn nach fünf Jahren des Blutvergießens die Gewalt zurückgehe und zumindest einige Hilfslieferungen wieder möglich würden. Nicht alle Syrer konnten diese Erfahrung machen, für viele ging sie schon bald vorüber. Den Geruch von Tod und Leiden, der nun wieder alles zu überlagern droht, haben sie darüber sicher nicht vergessen.

Es ist schwer zu begründen, warum man das, was sich in Syrien abspielt, noch eine Waffenruhe nennen sollte. Insbesondere südlich von Aleppo, in Vororten von Damaskus, in den Provinzen Latakia und Idlib, bei Hama und Homs sind die Kämpfe und Bombardierungen inzwischen in einem Ausmaß wieder aufgenommen worden, dass die gezogene Konsequenz der an den Genfer Friedensverhandlungen verzweifelnden Oppositionellen logisch erscheint. Diese haben bis auf eine kleine Expertendelegation ihre Teilnahme ausgesetzt und wollen erst wieder zurückkehren, wenn das Regime seine Offensive einstellt und Versorgungskonvois in belagerte Gebiete durchlässt.

Sie rufen sogar dazu auf, im Kampf gegen Assad nicht nachzulassen. UN-Vermittler Staffan de Mistura kann daher schon zufrieden sein, wenn er in der am Freitag zu Ende gehenden Runde ein völliges Scheitern abwendet und der Prozess wenigstens pro forma weiterläuft, irgendwann.

Die Mitte Februar verkündete Waffenruhe hatte die Gefechte zunächst tatsächlich an vielen Orten eingedämmt. Mit permanenten kleineren Verstößen gegen die Vereinbarung, die auch nicht alle am Krieg beteiligten Gruppen voll mittrugen, war zu rechnen gewesen. Doch hinter der Rhetorik wurde nur allzu schnell deutlich: Die Kämpfe gehen weiter. Nach und nach wurde die Waffenruhe, die ohnehin nicht überall wie erhofft griff, ausgehöhlt – von allen Beteiligten, aber zum allergrößten Teil getrieben von Angriffen der Assad-Armee und ihrer Helfer.

Bomben auf Zivilisten

Der Genauigkeit halber muss man anerkennen, dass die Regimekräfte völlig legitim vorgingen gegen jene Milizen, die von der Feuerpause explizit ausgenommen sind: etwa gegen den Al-Kaida-Ableger Al-Nusra oder natürlich den "Islamischen Staat". Während der Phase relativer Ruhe entstand so vorübergehend der Eindruck, nun seien alle Parteien mit Ausnahme der radikalen Dschihadisten ernsthaft daran interessiert, in Genf eine politische Lösung voranzutreiben. Und es sei nun möglich, die Kräfte auf deren Bekämpfung zu konzentrieren – daran hat der Westen augenscheinlich das deutlich größere Interesse als an einem Ende des Krieges.

Zwischen Extremisten und gemäßigten Rebellen zu unterscheiden, ist zwar schwierig. Etwa im Süden der Provinz Aleppo, wo sich Milizen der Freien Syrischen Armee mit Al-Nusra gegen das Regime verbündet haben und wo kaum zu klären ist, wer nun als Erster die Vereinbarungen gebrochen oder sich erst gar nicht daran gebunden hat.

Doch nicht nur in dieser Grauzone hat das Regime die Waffenruhe von Beginn an offensiv ignoriert: Die Angriffe zielten und zielen vielfach auf Zivilisten weitab jeglicher Präsenz der Dschihadisten, ebenso auf Gruppen, die der Waffenruhe beigetreten waren. Die Städte Maarat an-Numan und Kafranbel in der Provinz Idlib geben besonders traurige Beispiele ab: Dort trafen Luftangriffe in dieser Woche die wuseligen Gemüse- und Fischmärkte, knapp 50 Menschen starben dabei. Die Fälle waren mit der Auslöser für den vorläufigen Rückzug der Oppositionsdelegation in Genf.