Es war das Thema der Woche in der Türkei: Wird er ihn treffen oder nicht? Wird es gemeinsame Bilder geben, so wie früher? Ein lässiges, gegenseitiges Schulterklopfen politischer Alphatiere?

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ist am Dienstag wie viele andere Staats- und Regierungschefs zum Nukleargipfel nach Washington gereist, und offensichtlich wollte er ein Treffen mit US-Präsident Barack Obama. Er hätte sich auch gewünscht, so berichten türkische Medien, dass ihn sein amerikanischer Amtskollege zur Eröffnung einer Moschee in Maryland begleitet, die der türkische Staat hat bauen lassen. Es soll die größte Moschee der USA sein.

Am Ende aber reichte es nur für eine kurze Begegnung mit Obama. Am Rande des Atomgipfels ging es um die Zusammenarbeit bei regionaler Sicherheit, Terrorabwehr und Migration. Die Amerikaner ließen Erdoğan bis zuletzt im Unklaren, noch zum Auftakt des Gipfeltreffens hieß es, der US-Präsident werde Erdoğan anders als andere Staatschefs nicht zu einem separaten Gespräch empfangen. Weitaus mehr Schlagzeilen produzierten dann Erdoğans Bodyguards, als sie bei einer Veranstaltung in Washington rüde gegen Journalisten und Demonstranten vorgingen.

Es hat sich etwas verändert: Einst verstanden sich die beiden Staaten vorzüglich, auch Erdoğan war ein gern gesehener Gast in der US-Hauptstadt. Nach 9/11 (Erdoğan kam 2002 an die Macht) war der Mann, der sich als Muslim damals der Demokratie verschrieben hatte und Reformen versprach, wie ein Geschenk für den Westen. Das galt besonders für die USA.

Türkische Beobachter nannten es eine Beziehung auf "Plauder-Ebene". Der türkische Präsident, damals noch Premierminister, wurde warmherzig und ehrenvoll empfangen, man telefonierte öfter. Es war eine innige, geopolitische Liebe. Jetzt ist Erdoğan für Obama nur noch ein "platonischer Freund", wie kürzlich ein türkischer Journalist schrieb. Richtiger wäre vielleicht eher Partner als Freund. Man muss miteinander, man will nicht.

Und das liegt an einem alten Mann, einem jungen Mann, und – wie sollte es anders sein – an den Kurden.

Streit um Fethullah Gülen

Zunächst ist da Fethullah Gülen. Der einflussreiche türkische Prediger, der heute in Pennsylvania im Exil lebt, war einst enger Weggefährte von Staatspräsident Erdoğan und seiner AKP, heute wirft die Regierung seiner Bewegung vor, als verschworenes Netzwerk (zu dem nicht nur Medien wie die Zeitung Zaman, sondern auch große Unternehmen gehören; gegen einige laufen derzeit Ermittlungen) den Justiz- und Sicherheitsapparat des Staates unterwandert und einen "parallelen Staat" gegründet zu haben, inklusive Putschpläne.

Sie wird in der Türkei als Terrororganisation geführt (FETÖ – Fetullahçı Terör Örgütü, zu Deutsch: "Terrororganisation der Anhänger Fetullahs"). Auch ernstzunehmende Regierungskritiker und Journalisten sagen, dass nicht alle Vorwürfe der Regierung, die immer autoritärer gegen Opposition, Journalisten und Kritiker vorgeht, gegen FETÖ von der Hand zu weisen sind.

Vor einigen Jahren saßen einige von ihnen noch wegen Gülen-kritischer Berichte im Gefängnis. Die AKP-Regierung von Präsident Erdoğan hätte am liebsten die Auslieferung Gülens. Bisher vergeblich. Eine regierungsnahe Zeitung namens Star titelte jüngst "Strategische Feindschaft", und zeigte rechts ein großes Bild von Obama, ihm gegenüber ein großes Bild von Gülen. Wenn die amerikanische Regierung eine solche Provokation registriert, wird das sicher nicht für gute Laune sorgen.

Reza Zarrab in den USA festgenommen

In der Mitte hatten sie das Foto des jungen Mannes platziert, der für weitere Spannungen zwischen der Türkei und den USA sorgen könnte. Er heißt Reza Zarrab. Dessen Geschichte liest sich wie das Drehbuch eines Krimis. Zarrab ist ein iranisch-türkischer Geschäftsmann, der im Zentrum einer der größten Korruptionsaffären stand, die das Land je erlebt hat. Auch Mitglieder der Regierung und einige Ministersöhne sollen darin verwickelt sein. Zarrab soll Bestechungsgelder bezahlt haben, doch der Fall wurde nie geklärt, die Ermittlungen schließlich eingestellt. Begründung: ein Putschversuch der mächtigen Gülen-Bewegung. Die ermittelnden Staatsanwälte und Polizisten waren Anhänger der Bewegung.

Nun haben US-Behörden Zarrab in Miami festgenommen. Auch sie erheben schwere Vorwürfe gegen den Unternehmer, unter anderem wegen Unterwanderung der Sanktionen gegen den Iran und Geldwäsche.

Türken unterstützen US-Staatsanwalt

Wie immer in der Türkei ist jetzt die eine Hälfte der Bevölkerung elektrisiert, die andere wittert eine Verschwörung. Die Opposition freut sich und verhöhnt die Regierung; viele dort, so der Tenor, werden nun nicht mehr ruhig schlafen können, wenn Zarrab erst einmal auspackt. Der für die Festnahme zuständige US-Staatsanwalt Preet Bhahara hatte innerhalb von 24 Stunden etwa 100.000 Twitter-Follower mehr – alles Türken, die nun seine Arbeit verfolgen und für die er schon jetzt ein Held ist. Sie glauben, dass er nun das aufdeckt, was in der Türkei nicht aufgedeckt werden sollte. Einige wollen ihm Raki und Kebap schicken, damit er besser arbeiten kann. Andere wollen ihm einen Schal stricken – für seine "dicken Eier".

Es bleiben spannende Fragen: Warum der Geschäftsmann Zarrab in die USA flog zum Beispiel. Er müsse gewusst haben, dass er festgenommen wird. Wird er jetzt auspacken? Hat er einen Deal mit den Amerikanern? Was wird das für die damals beschuldigten Regierungsmitglieder bedeuten?

Hier und dort wird auch immer wieder gern behauptet, dass die Amerikaner einen Putsch in der Türkei befürworten würden. Großes Aufsehen erregte kürzlich ein Artikel, den Michael Rubin geschrieben hatte, ein Hardcore-Neocon und ehemaliger Berater der Bush-Regierung. Er fragte: Kann es einen Putsch in der Türkei geben? Nun, der Text liest sich auch nicht gerade so, als wäre der Autor sehr traurig darüber.