Es war kurz nachdem Mustafa Kemal die türkische Republik gründete und so zu Atatürk wurde, dem Vater aller Türken, als er folgende Sätze gesagt haben soll: "Ich habe keine Religion, und manchmal wünsche ich alle Religionen auf dem Grund des Meeres. Derjenige ist ein schwacher Herrscher, der die Religion braucht, um seine Regierung aufrechtzuerhalten. Es ist, als würde er sein Volk in einer Falle fangen." Atatürk erklärte den Säkularismus, also die Trennung von Religion und Staat, zum Grundpfeiler der neuen Türkei.  Er wollte aus dem alten osmanischen Reich, jahrhundertelang beherrscht von muslimischen Sultanen, eine aufgeklärte Republik nach westeuropäischem, französischem Vorbild machen. Dieses Projekt läuft nun seit über 90 Jahren.

Bis heute muss in jedem öffentlichen Gebäude ein Porträt Atatürks hängen. Die Verehrung des Staatsgründers wird den Kindern schon in der Schule beigebracht, sich gegen ihn zu stellen, war das große politische Tabu in der Türkei. Das galt auch für die religiös geprägte Partei AKP, die seit 2003 in der Türkei regiert.

Nun aber hat der AKP-Parlamentspräsident İsmail Kahraman damit gebrochen. Er sagte während einer Konferenz in Istanbul: "Wir sind ein muslimisches Land. Deshalb brauchen wir eine religiöse Verfassung." Und weiter: "Säkularismus darf in der neuen Verfassung keine Rolle mehr spielen."

Schnell widersprachen nicht nur Oppositionspolitiker, sondern auch AKP-Vertreter Kahraman. Laut Hurriyet Daily News sagte der Istanbuler Abgeordnete Mustafa Şentop, der auch Vorsitzender der Verfassungskommission im Parlament ist: "Säkularismus gehört zu unseren Bemühungen für eine neue Verfassung. Ihn aus der Verfassung zu streichen, war kein Thema bei uns." Kahraman habe nicht für die Partei gesprochen. Und der stellvertretende Fraktionsvorsitzende stellte klar: "Die AKP hat kein Problem mit dem Säkularismus."

Doch trotz der Relativierungen ist die Episode um Kahraman wichtig, und zwar aus zwei Gründen.

Der Kampf um eine neue Verfassung

Erstens, weil sie die verfahrene türkische Diskussion über eine neue Verfassung zurück in die Öffentlichkeit holt. Sie soll die jetzige ersetzen, die noch aus Zeiten des Militärputsches in den Achtzigern stammt. Hauptstreitpunkt ist dabei die Rolle des Staatspräsidenten. Bisher hat er kaum Macht im alltäglichen Regierungsgeschäft, dafür ist der Premier zuständig. Erdoğan drängt darauf, die Türkei zu einem Präsidialsystem mit ihm im Machtzentrum umzubauen. Das will aber keine der anderen im Parlament vertretenen Parteien, und die AKP bringt allein die zur Verfassungsänderung nötige Zweidrittelmehrheit nicht auf. Dieser Patt ändert aber wenig daran, dass Erdoğan auch weiterhin in vielen politischen Fragen die Richtung vorgibt. Er nimmt sich informell einfach die Macht, die ihm formal gar nicht zusteht.

Zum anderen passen Kahramans Sätze zum schrittweisen Rückbau des Säkularismus in der Türkei, den die AKP seit einigen Jahren betreibt. Die Regierung erlaubte Kopftücher an Schulen und Universitäten und schränkte den Alkoholverkauf ein. Sie fördert die religiösen, allgemeinbildenden İmam-Hatip-Schulen und baut Moscheen auf Universitätsgeländen.

Dass das öffentliche Leben in der Türkei in den vergangenen Jahren religiöser geworden ist, ist unstrittig. Doch AKP-Anhänger und ihre erbitterten Gegner streiten sich darüber, ob das gerechtfertigt ist oder nicht.