Schau an, der erste "pazifische Präsident" der Vereinigten Staaten entpuppt sich am Ende seiner Amtszeit als großer Freund Europas. Die zurückliegenden Jahre haben Barack Obama zweierlei klar gemacht: Amerika kann sich aus den Konflikten der alten Welt nicht heraushalten, ohne den eigenen Interessen zu schaden; und es kann seine Werte nur gemeinsam mit den Europäern verteidigen.

Das Europa, das Obama in diesen Tagen besuchte, ist voller Selbstzweifel. Nicht wenige fürchten einen Zerfall der Europäischen Union. Obama hielt es daher für angebracht, den Europäern ins Bewusstsein zu rufen, dass die Einigung ihres Kontinents "eine der größten politischen Errungenschaften der Neuzeit" sei. "Vielleicht muss Sie erst ein Außenstehender, einer, der kein Europäer ist, daran erinnern, wie großartig das ist, was Sie erreicht haben", sagte er in seiner Grundsatzrede in Hannover.

Es war ein britischer Staatsmann, Winston Churchill, der 1946 in seiner berühmten Zürcher Rede die "Vereinigten Staaten von Europa" beschwor. Heute geht von Großbritannien die größte Gefahr für den Zusammenhalt Europas aus. Denn bei dem Referendum am 23. Juni, bei dem die Briten über die EU-Mitgliedschaft ihres Landes abstimmen, könnte sich eine Mehrheit für eine splendid isolation entscheiden, die das Land und Europa teuer zu stehen käme.

Obama sieht diese Gefahr. Deshalb hat er den Briten voller Leidenschaft ins Gewissen geredet. So unverhohlen hat er sich in ihre inneren Angelegenheiten eingemischt, dass die "Brexiteers", die EU-Gegner, noch immer vor Zorn kochen. Aber Obama ist es bitterernst. "Lassen Sie mich das als Ihr Freund sagen, die EU macht Großbritannien noch bedeutender", schrieb er in einem Gastbeitrag für den Daily Telegraph. "Die Europäische Union schmälert den britischen Einfluss nicht, sie vergrößert ihn."

Der US-Präsident hat keinen Zweifel daran gelassen, dass ein Brexit auch die Interessen seines Landes in höchstem Maße tangieren würde: Wer glaube, nationale Vorteile auf Kosten seiner engsten Verbündeten durchsetzen zu können, täusche sich. Bei möglichen Verhandlungen über ein neues Handelsabkommen werde sich Großbritannien "am Ende der Schlange  anstellen" müssen. Obama hätte auch sagen können: Wer sich selbst verzwergt, hat anschließend keinen riesigen Einfluss mehr.

Eine Botschaft, die auch bei den anderen EU-Gegnern, vom Front National über die FPÖ bis zur AfD, ankommen sollte: Die Rückkehr zu mehr nationaler  Souveränität gibt es nur um den Preis des Bedeutungsverlustes. Das kann man wollen, aber dann darf man sich nicht beklagen, wenn die eigene Stimme nicht mehr gehört wird.

Obama ist genau im richtigen Moment nach Europa gekommen. Er hat den Europäern vor Augen geführt, was bei ihrem Scheitern auf dem Spiel stünde. Mehr nämlich als Währungsunion und Reisefreiheit. Die europäische Integration war immer auch ein Projekt der Zivilisierung eines Kontinents, der jahrhundertelang nur Krieg und Selbstzerstörung kannte. Und der damit eine Gefahr für die Welt war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Vereinigten Staaten ihre Wiederaufbauhilfe darum an die Bedingung einer Zusammenarbeit unter den Empfängerländern geknüpft. Der Marshallplan legte auch das Fundament für ein integriertes Europa. Amerika hatte dafür ökonomische wie politische Gründe. Es wollte der Marktwirtschaft den Weg ebnen und die Sowjetunion eindämmen.

Strobe Talbott, der Präsident der Brookings Institution, einer Washingtoner Denkfabrik, die Obamas Demokraten nahesteht, hat es dieser Tage in einem Artikel für die New York Times so formuliert: "Amerika hat geschichtlich in das europäische Projekt und in Großbritanniens Beitrag dazu investiert."

Der Kern dieses europäischen Projekts ist heute, genauso wie in den Jahren nach 1945,  die Verteidigung der Freiheit und der Schutz der Menschenwürde  – weit über den eigenen Kontinent hinaus. Neu aufkeimender Nationalismus und Fremdenhass bedrohen diese historische Idee. Was in siebzig Jahren aufgebaut worden ist, kann sehr schnell wieder zerstört zu werden.

Daran erinnert zu haben, ist das Verdienst Barack Obamas, dieses pazifischen Präsidenten, der verhindern will, dass Europa seine Zukunft verspielt.