Mit dem neuen Talibanchef Mullah Haibatullah Achundsada haben sich nach Ansicht von afghanischen und pakistanischen Sicherheitsexperten die Extremisten durchgesetzt. Das erschwere die Wiederbelebung des kürzlich gescheiterten Friedensprozesses. "Es sieht so aus, als habe die Ermordung von Mansur den Hardlinern den Weg freigemacht", sagte der pakistanische Sicherheitsanalyst Talaat Masood. Sein afghanischer Kollege Baschir Bisan sagte: "Achundsada zieht den Krieg dem Frieden vor und das Töten dem Leben." Anstatt Frieden zu schließen, würden "die Taliban in den kommenden Monaten alles versuchen, um zu beweisen, dass die Bewegung lebt", sagte auch der afghanische Analyst Ahmad Saidi. Der afghanische Armeestabschef, General Kadam Schah Schahim, warnte laut Medien vor einem möglichen Anstieg der Anschläge.

Vier Tage nach der Tötung des Talibanchefs Mullah Mansur durch einen US-Drohnenangriff hatten die Islamisten einen seiner Stellvertreter zum neuen Anführer bestimmt. Mullah Haibatullah Achundsada sei einstimmig gewählt worden, hatte ein Talibansprecher bekannt gegeben.

Mullah Achundsada wird auf um die 50 geschätzt und stammt aus Kandahar, dem Kernland der Talibanelite. In Quellen werde er als ehemaliger Oberster Richter der Taliban oder als dessen Stellvertreter beschrieben, heißt es in einer Studie des Rechercheinstituts Afghanistan Analysts Network.

Er sei außerdem einer der wenigen Männer, die das Vertrauen des langjährigen Talibanchefs Mullah Omar genossen. Dies, seine Wurzeln in Kandahar und seine Stellung als Religionsgelehrter sollte Achundsada für viele Talibankämpfer zum akzeptablen Anführer machen. Viele Talibankommandeure seien seine ehemaligen Schüler, sagte ein ehemaliger Talibangefährte und heutiges Mitglied des Hohen Friedensrates, Kalam Kalamuddin. Das könnte die unter Mullah Mansur begonnene Zersplitterung der Bewegung aufhalten.

Neuer erster Stellvertreter von Mullah Achundsada ist der Leiter der Talibanmilitäroperationen, Siradschuddin Hakkani, der auch als Stellvertreter Mullah Mansurs fungiert hatte. Hakkani werden einige der grausamsten und öffentlichkeitswirksamsten Anschläge der Taliban zugeschrieben. Außerdem habe er dazu beigetragen, die zersplitterten Taliban zusammenzuführen, sagt der Sprecher der Nato-Mission Resolute Support, Charlie Cleveland. Es wird angenommen, dass Hakkani weiter den zuletzt recht erfolgreichen Kampf der Aufständischen leiten wird.

Zweiter Stellvertreter wurde der Sohn des verstorbenen Talibanchefs Mullah Omar, Jakub. Dieser soll eine Religionsschule in Pakistan besucht haben. Er führt Militärkommissionen der Taliban in 15 Provinzen Afghanistans. Als Sohn von Mullah Omar ist auch er eine Figur, die zerstrittene Fraktionen wieder versöhnen könnte.

Präsident fordert Ende der Kämpfe

Der Präsidentenpalast in Kabul hatte am Mittwoch einen Aufruf an die Taliban und ihren neuen Anführer veröffentlicht, den Krieg zu beenden. Andernfalls würden sie die Entwicklung des Landes behindern und sich "zum Instrument fremder Mächte" machen. Damit bezog sich der Palast auf den Einfluss Pakistans, dem vorgeworfen wird, die afghanischen Taliban zu unterstützen und ihre Führungsebene zu beherbergen.

Allerdings gab es bereits am Mittwoch einen weiteren Selbstmordanschlag der Taliban in der Hauptstadt. Elf Menschen wurden dabei getötet. Ein Attentäter habe seinen Sprengstoffgürtel gezündet, als er an einem Minibus mit Gerichtsmitarbeitern vorbei gegangen sei, teilte das Innenministerium mit. Unter den Opfern seien auch Passanten. Darüber hinaus seien vier Menschen verletzt worden.