Ahmet Davutoğlu stand nicht mal bei seiner eigenen Wahl ganz oben. Als die Türken im Frühjahr 2015 über ihr Parlament und damit über den Premier entschieden, hingen zwar im ganzen Land die Plakate des AKP-Spitzenkandidaten. Auf den Wahlkampfveranstaltungen aber sprach nicht er als Letztes, sondern Recep Tayyip Erdoğan, der Präsident. Die Anhänger sangen nicht Davutoğlus Namen, sondern den des Ex-Premiers Erdoğan. 

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ahmet Davutoğlu war zwar insgesamt 20 Monate formal die Nummer eins in der türkischen Regierung, faktisch aber war er doch von Anfang an nur die Nummer zwei. Die ganze Zeit über stand er im Schatten des übermächtigen Erdoğan.

Von dieser undankbaren Rolle hat er nun offenbar genug. Nach einem Treffen mit Erdoğan am Mittwoch und dem Parteivorstand am Donnerstag erklärte Davutoğlu, die AKP werde sich am 22. Mai zum Parteitag treffen und einen neuen Vorsitzenden wählen. Er selbst werde dann nicht mehr kandidieren. Es brauche einen neuen Parteivorsitzenden, um die Einheit der AKP zu wahren, sagte Davutoğlu. Weil Parteiführung und Ministerpräsidentenamt traditionell in einer Hand liegen, dürfte Davutoğlu damit auch die Regierungsführung verlieren. Im Parlament aber will er bleiben.

Ungewohnt offene Kritik an Davutoğlu

Was genau die Gründe für die Entscheidung waren, ist kaum zu sagen. Das Innenleben der Regierungspartei ist insbesondere für ausländische Journalisten fast unzugänglich geworden. Eine wichtige Rolle gespielt haben dürfte die Entscheidung des Parteivorstands vor wenigen Tagen, Davutoğlu das Recht zu nehmen, die lokalen Vorsitzenden der AKP in den Provinzen und Landkreisen selbst auszuwählen. An diesem Recht hängt zwar nicht Davutoğlus politisches Überleben – aber die Entscheidung des Vorstandes deutet doch darauf hin, dass in diesem Gremium die Kräfteverhältnisse zuungunsten des Parteivorsitzenden Davutoğlu ausfallen. Der Premier selbst sagte dazu in seiner Pressekonferenz am Donnerstag, diese Entscheidung entspräche nicht "einem Verhalten, dass ich von Parteifreunden erwarte". Außerdem hatten in den vergangenen Tagen Erdoğan-nahe Kolumnisten – die eine wichtige Rolle in der türkischen Öffentlichkeit spielen – die Regierungsbilanz ungewohnt offen kritisiert.

In seiner Rückzugsrede am Donnerstag lobte sich Davutoğlu nun dafür, die Partei und die Regierung nach dem Abgang des "charismatischen Führers" Erdoğan zusammengehalten zu haben. So erscheint seine Amtszeit als Übergangsphase, Davutoğlu selbst als Begleiter und Manager einer für das Land und die Partei turbulenten Zeit. Über seinen Präsidenten verlor er kein schlechtes Wort.

Allerdings legt der Rücktritt offen, wie sehr sich die Machtverhältnisse zwischen Regierung und Präsident im Land verschoben haben, wie machtlos ein Regierungschef unter Erdoğan ist, und wie weit sich die politische Realität damit von den Vorgaben der türkischen Verfassung entfernt hat. Denn eigentlich soll der Präsident keinen Einfluss nehmen auf den Regierungsalltag, er soll überparteilich sein.