Das aber war schon im Wahlkampf Makulatur, als Erdoğan jeden Tag Brücken oder Schulen einweihte und das jeweils nutzte, um für die AKP zu werben und politische Gegner anzugreifen. Auch nach den Wahlen mischte er sich weiter ein. In Brüssel drohte er damit, Flüchtlinge in Boote Richtung Europa zu setzen. Innenpolitisch reicht seine Macht so weit, dass viele Türken Erdoğan und den Staat längst gleichsetzen. So ist der Streit über eine neue Verfassung, mit der die AKP die Republik zu einem Präsidialsystem umbauen will, zunehmend zum Formalismus geworden. Nicht so wichtig, was die Gesetze sagen: Erdoğan nimmt sich die Macht einfach – und zwar auf Kosten des Regierungschefs. Selbst einer von Davutoğlus Ministern spricht mittlerweile von einem De-facto-Präsidialsystem.

Dabei war Davutoğlu nicht einfach irgendein Handlanger. Der heute 57-Jährige war neben Erdoğan und dem früheren Präsidenten Abdullah Gül einer der drei prägenden Politiker der AKP und damit der Türkei in den vergangenen 13 Jahren. Erst als wichtigster Berater Erdoğans, dann als Außenminister prägte der Politikprofessor die außenpolitische Linie der Türkei. "Null Probleme mit den Nachbarn" war sein Motto, das Land sollte zum allseits geachteten Vorbild in der Region werden und endlich eine gestaltende Rolle in der Weltpolitik einnehmen. Sein nie auf Deutsch erschienenes Buch Strategische Tiefe skizzierte diesen Weg schon 2001, vor den Wahlsiegen der AKP.

Der Praxistest dieses neuen außenpolitischen Selbstbewusstseins ist ihm allerdings nicht wirklich gelungen. Erst im sogenannten Arabischen Frühling Vorbild für viele Länder in der Region, hat sich die Türkei zuletzt vor allem in Syrien verspekuliert. Dort wollte man unbedingt das Regime von Baschar al-Assad stürzen und sah deshalb der Entstehung und dem Erstarken des selbst ernannten "Islamischen Staats" lange zu. Nun reicht der dortige Bürgerkrieg bis in die Türkei hinein. Mit Russland hat sich die Regierung auch zerstritten, von den schwierigen Beziehungen zu den Nachbarn Armenien und Iran ganz zu schweigen. So gilt für die Türkei derzeit eher: Nur Probleme mit den Nachbarn.

In Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten allerdings war Davutoğlu vergleichsweise – also im Kontrast zu Erdoğan – beliebt. Weil er berechenbar war und nüchtern und freundlich, ein geübter und professioneller Diplomat.

Wer Davutoğlu nachfolgen wird, ist unklar. Erdoğan hat vor den Wahlen im vergangenen Jahr viele altgediente und moderate Abgeordnete und Funktionäre durch junge, folgsamere Politiker ersetzt. Als Energieminister sitzt sein Schwiegersohn im Kabinett, der 38-jährige Berat Albayrak. Erdoğans Truppen sind stark in der Partei, zu der er formal gar nicht mehr gehört.