Wissen Sie, sagte der russische Psychiater, früher wusste der Mensch, was ihn erwartet. Heute seien die Leben instabiler geworden und der Stress, der daraus entstehe, fördere psychische Störungen, sagte der Mann, der weniger an die Psychoanalyse als an die richtige Medikation glauben dürfte. Wir sprachen über die russische Gesellschaft, aber was er zu sagen hatte, ging über Russland hinaus, es betraf Polen, Frankreich und auch Deutschland.

Ich musste an meine Eltern denken, die bis 1988 in Polen lebten. Ihre Wohnung in der Platte war sicher, irgendwann bekamen sie ihren Polski Fiat in Kotzgrün; in den nächsten Jahren sollte ein Telefon folgen, aber so viel Geduld hatten meine Eltern nicht. Sie packten zwei Koffer und hauten ab, nach Westdeutschland. Ohne Arbeitsvertrag, ohne Sprachkenntnisse, dafür mit zwei kleinen Kindern. Sie tauschten ihre vermeintliche Stabilität gegen die größte anzunehmende Ungewissheit ein. Wie sie ihre Ängste bezwangen, erfüllt mich bis heute mit tiefem Respekt.

Jede Gesellschaft hat ihre eigene Sehnsuchtsepoche. Für die nostalgischen Russen mögen es die Chruschtschow-Jahre sein, als die Sowjetunion den Kosmos eroberte und für ihre Macht und Größe gefürchtet wurde. Für die polnischen Kaczyński-Anhänger ist es die Aufbruchszeit zwischen den beiden Weltkriegen, in der die polnische Kultur ihre kurze Blüte erlebte; für die betuchten Westdeutschen sind es die sechziger, siebziger Jahre, als die BRD wohlstandsgeküsst war und der Muslim nur ein Gastarbeiter, der sicherlich bald wieder zurückgehen würde. Für die Franzosen dürften es die Nachkriegsjahre sein, als die Wirtschaftskraft und die Gehälter wuchsen. Und die Trump-Amerikaner sehnen sich nach der Macht vor dem Irakkrieg, als ihr Land allmächtig zu sein schien und ihr Präsident garantiert weiß und männlich war.

Früher hat der Mann noch die ganze Familie ernährt!

Ein Problem wird erst dann daraus, wenn aus Angst vor Veränderungen Politik wird, die eine vergangene Stabilität verspricht: Früher, da hat der Mann noch die ganze Familie ernährt! Früher, da konnte die Frau nicht einfach so abtreiben! Da gab es keine Frauen mit Kopftuch in Deutschland und keine Minarette! Und auch keine schwulen Außenminister! Die Vergangenheit erscheint wie das Paradies, dank der gütig korrigierenden Kraft der Erinnerungen von allem Dreck gereinigt. Da kann es wie ein verlockendes Versprechen klingen, dorthin zurückkehren zu können.

Der Preis dafür ist erschreckend hoch. Institutionen, Diskursgrenzen, Menschenrechte, alles scheint wieder verhandelbar. Donald Trump wurde von den Medien lange als ein durchgeknallter Clown dargestellt; aber nun könnte ein Mann, der mit Hass und Angst Politik macht, Präsident der USA werden. Die Aufregung um die neue Regierung in Polen schien mir zunächst hysterisch; nun nehme ich fassungslos zur Kenntnis, wie eine Partei in kürzester Zeit gewachsene Institutionen beschädigt, Medien kontrolliert und Verfassungsrichter gängelt. In Russland stürmten erst kürzlich selbst ernannte Patrioten einen Geschichtswettbewerb für Kinder, weil es ihnen nicht passte, dass die Kinder sich kritisch mit einem schmerzlichen Teil ihrer Geschichte, der Stalin-Herrschaft und dem Zweiten Weltkrieg, auseinandersetzen.

Wer hätte noch vor ein paar Jahren gedacht, dass in Frankreich eine Rechtsradikale nach der Macht greifen könnte, weil die Globalisierung so viele Franzosen überfordert? Auch in Deutschland erschienen mir bislang bestimmte Normen nicht verhandelbar: dass man Menschen wegen ihrer Religion oder ihrer sexuellen Präferenz nicht ausgrenzt, zum Beispiel. Nun wundere ich mich, dass die Zusicherung, man wolle ja nicht alle Muslime ausweisen, offenbar beruhigend wirken soll. Vor 20 Jahren wurden Lichterketten aufgespannt, wenn ein Flüchtlingsheim brannte; jetzt scheint für manche Politiker die angebliche politische Korrektheit schuld daran zu sein, dass ihre Volkspartei schrumpft. Dünn ist die Schutzschicht der Demokratie.

Kaum eine Kraft ist so machtvoll wie die Angst

Kaum eine Kraft ist so machtvoll wie die Angst – und nur die wenigsten von uns dürften gänzlich frei sein von Nervosität und Unsicherheiten. Freunde, die gerade zu Eltern wurden, machen sich Sorgen, in was für einer Welt ihre Kinder aufwachsen werden; meine Eltern stellen erstaunt fest, dass sie zwar um ihrer Kinder willen gegangen sind, aber die Säulen ihrer Leben heute sicherer stehen als die meiner Generation.

Doch was jetzt herbeigesehnt wird, was mal die alte Linke verspricht und jetzt die neue Rechte, die den Linken (und nicht nur denen) die Wähler abspenstig macht, ist keine Stabilität, sondern nur der Schein davon. Stabilität bedeutet eben nicht, aus Angst Mauern um sich herumzuziehen und die Vergangenheit aufleben zu lassen, sondern: in einem Rechtsstaat zu leben, der nicht selektiert; in dem das Wort Volk eine Rechtsgemeinschaft bedeutet und keinen Blutsverbund. Mit Gerichten, die unabhängig entscheiden, mit Gesetzen, vor denen alle gleich sind, und Institutionen, die verlässlich sind. Nichts davon erscheint mehr sicher. Errungenschaften, die in den westlichen Ländern so selbstverständlich geworden sind, dass sie uns nicht einmal mehr mit Stolz erfüllen, erweisen sich nun als fragil.

Wovor meine Eltern damals flohen, war eine vermeintliche Stabilität, die darauf beruhte, dass die Angst des Einzelnen vor der Zukunft größer war als sein Frust über die Gegenwart. Sicher, die Vorhersehbarkeit des Lebens kann tröstlich sein. Aber sie engt den Menschen ein, sie macht ihn zum Gefangenen seiner Ängste und damit zu einem Unmündigen. Doch für manche fühlt sich die Enge von früher offenbar ganz heimelig an.