Am vergangenen Donnerstagmorgen – wenige Stunden zuvor war die Maschine der EgyptAir über dem östlichen Mittelmeer vom Radarschirm verschwunden – wurde ich auf Tel Avivs Flughafen Ben Gurion über die Sicherheitsvorkehrungen von Israels einzigem internationalen Flughafen informiert. Noch waren die Gründe für den Absturz von MS804 nicht bekannt. Und niemand im Konferenzraum hinter der großen Abflughalle von Ben Gurion wollte darüber spekulieren. Aber das Gespräch bekam plötzlich eine tragische Aktualität.

Ben Gurion gilt als der sicherste Flugplatz der Welt. Im Juni werden sich hier Flughafen-Chefs aus mehr als 30 Ländern treffen und darüber beraten, wie der internationale Luftverkehr sicherer gemacht werden kann. Dass man sich in Tel Aviv trifft, ist kein Zufall. Ben Gurion, 16,5 Millionen Passagiere im Jahr, setzt die Standards. Und dafür treiben die Israelis einen beispiellosen Aufwand. 

Warum das so ist, liegt auf der Hand. Vom Norden, von libanesischem Gebiet aus, richtet die Hisbollah ihre Raketen auf Israel; im Gazastreifen regiert die Hamas, wie Hisbollah von Teheran finanziert und aufgerüstet; und im Südwesten hat der "Islamische Staat" seine "Provinz Sinai" ausgerufen. Kein anderes Land ist von schiitischem, sunnitischem und dschihadistischem Terror ähnlich bedroht wie Israel.

Ben Gurion ist das Tor des Landes zur Welt. Müsste der Flughafen geschlossen werden, wäre damit quasi über ganz Israel eine Luftblockade verhängt. Welch ein Angriffsziel für terroristische Gruppen! Entsprechend hat man sich gerüstet. Zwei elektronische Zäune sind um den Flughafen gezogen. Schon drei bis vier Kilometer vor dem Terminal wird jedes Auto gestoppt, werden alle Reisenden befragt.

"Wir wissen, wer Sie sind"

Vor dem Check-in findet eine zweite Befragung statt, diesmal sehr ausführlich: nach dem Woher und Wohin, nach den Gründen der Reise, nach den Hotels, in denen man gewohnt hat. Gibt es Zweifel, werden die Daten überprüft. Bei jedem Passagier möchte man sagen können: "Wir wissen, wer Sie sind." Diese individuelle, nach möglicher Gefährlichkeit abgestufte Überprüfung hält man für erfolgversprechender als die Durchsuchung aller Passagiere nach stets dem gleichen Muster.

Die Sicherheitsmitarbeiter hören sich nicht nur an, was ihnen die Reisenden auf ihre Fragen antworten. Sie achten auf verdächtiges Verhalten, auf Mimik und Gestik. Darin sind sie geschult. Ausnahmslos alle haben in den Streitkräften gedient. In Israel herrscht strenge Wehrpflicht, drei Jahre für die Männer, zwei Jahre für die Frauen. Der Flughafendirektor selbst ist ein pensionierter Brigadegeneral, Spezialist für Antiguerilla-Kriegsführung, hat im Gazastreifen gegen Hamas und im Libanon gegen Hisbollah gekämpft.

Dabei macht Ben Gurion einen außerordentlich zivilen Eindruck. Anders als in vielen Ländern Europas drehen hier keine Soldaten mit Maschinenpistolen ihre Runden. Auch Polizisten mit Waffen gibt es nicht. Aber natürlich sind überall bewaffnete Sicherheitsleute präsent, die meisten sehen aus wie ganz normale Reisende. Und jeder Winkel des Gebäudes wird von Kameras überwacht.

Den größten technischen Aufwand aber treiben die Israelis bei der Raketenabwehr. Im Gaza-Krieg 2014 feuerte Hamas etwa 4.000 Raketen auf Israel ab, einige landeten nur zwei Meilen von Ben Gurion entfernt. Daraufhin stellten ausländische Linien den Flugverkehr nach Tel Aviv ein. Die israelische El Al aber flog weiter. Sie vertraute auf das Raketenabwehrsystem Iron Dome, mit dem sich das Land gegen Angriffe aus der Luft schützt. Die Piloten verließen sich auf die erstaunlichen Fähigkeiten des "Eisernen Doms", der angeblich sehr präzise anfliegende Raketen von anfliegenden Flugzeugen unterscheiden kann.

Ben Gurion als Vorbild für den Rest der Welt? Wohl kaum. Kein anderes Land könnte einen vergleichbaren Aufwand betreiben. "Wir haben einen internationalen Airport", sagt ein Verantwortlicher, "die Vereinigten Staaten haben 128."

Eines aber ist beispielhaft, und nachahmenswert. Nach jedem Anschlag irgendwo auf der Welt wird dieser in Tel Aviv nachgespielt, um nach eigenen Schwachstellen zu suchen. Das Ergebnis der Simulationen, beteuern sie im Konferenzraum von Ben Gurion: "Wir hätten jeden Attentäter erwischt."