Die brasilianische Regierung prüft einem Zeitungsbericht zufolge den Verkauf von Anteilen an staatlich kontrollierten Firmen wie der Post, Energieversorgern und Versicherern. Damit sollte Geld in die Staatskasse gespült und der öffentliche Sektor verschlankt werden, berichtete O Globo aus Rio de Janeiro am Sonntag unter Berufung auf nicht namentlich genannte Mitglieder des Wirtschaftsteams des Übergangspräsidenten Michel Temer. Das Finanzministerium wollte den Bericht nicht kommentieren. Finanzminister Henrique Meirelles werde sich in den kommenden Tagen zu den Plänen der Regierung äußern, sagte eine Sprecherin lediglich.

Der Zeitung zufolge sollen Anteile der Post Correios, der Münzanstalt Casa de Moeda und des zum Geldinstitut Caixa Econômica Federal gehörenden Versicherers abgestoßen werden. Ins Auge gefasst seien zudem mehrere Hafenbetreiber im ganzen Land und der Flughafenbetreiber Infraero.

Der Verkauf von Staatsanteilen war in den 1990er Jahren und Anfang der 2000er Jahre ein häufig gewähltes Mittel. Die Staatsoberhäupter von der Arbeiterpartei, Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff, die vor wenigen Tagen wegen Korruptionsvorwürfen suspendiert wurde, beendeten aber diese Praxis.

In einem Fernsehinterview sagte Übergangspräsident Temer außerdem, die Regierung werde Ausgaben dort, wo es möglich sei, kürzen und das Rentensystem reformieren. Sozialprogramme, die in der seit 13 Jahren dauernden Regierungszeit der Arbeitspartei aufgelegt wurden, seien davon nicht betroffen. Temer amtiert seit Rousseffs Suspension als Staatsoberhaupt.

Die Regierung ringt um Wirtschaftsreformen, um die Rezession in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas zu überwinden. Das Land hat mit einer steigenden Arbeitslosigkeit, einem enormen Haushaltsdefizit und einer fast zweistelligen Inflationsrate zu kämpfen. Finanzminister Meirelles sagte, die Regierung habe noch nicht entschieden, ob es neue Steuern geben werde. Umstritten ist eine Finanztransaktionssteuer. Offen ist auch, wie das Rentensystem reformiert werden soll. Der Finanzminister plädiert hier für eine Anhebung des Rentenalters. "Wir prüfen alle Maßnahmen, um wieder Wachstum im Land zu erreichen, neue Stellen zu schaffen und das Einkommen für jedermann zu erhöhen", sagte Meirelles.

Zahlreiche Menschen in Brasilien protestierten mit sogenannten Panelaços gegen den Übergangspräsidenten. In mehreren Großstädten schlugen sie am Sonntagabend auf Töpfe ein und skandierten "Hau ab, Temer", während der neue Staatschef sein Fernsehinterview gab. Temer kündigte an, sich 2018 nicht zur Wahl zu stellen. Das ermögliche ihm, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Am Donnerstag hatte der Senat Präsidentin Dilma Rousseff für 180 Tage suspendiert. Ihr werden unerlaubte Kreditvergaben und die Verschleierung der tatsächlichen Haushaltslage vorgeworfen. Sie weist die Anschuldigungen zurück und spricht von einem Putsch. Bis zur abschließenden Überprüfung der Vorwürfe führt Temer die Amtsgeschäfte.