Eine Woche lang schien es fast ruhig zu werden in der brasilianischen Politik: Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff, vorläufig durch ein Amtsenthebungsverfahren vom Dienst suspendiert, beantwortete Bürgerfragen im Internet. Eine Übergangsregierung aus alten Kerlen setzte ambitioniert ein rechtskonservatives Reformprogramm um. Dagegen liefen mittelgroße, routinierte Demos auf den Straßen etlicher Städte: Dort sprechen Anhänger Rousseffs von einer Staatsstreichregierung, weil die Brasilianer nie die Leute gewählt haben, die nun in Brasília das Sagen haben.

Und dann: der Montagmorgen. Die Tageszeitung Folha de São Paulo ließ auf ihrer Titelseite die Bombe platzen: Ihr waren Bänder zugesteckt worden, die diese Übergangsregierung wie Gangster erscheinen lassen. Ein Politik-Insider und korrupter Ölmanager hatte offenbar sein Handy in der Hosentasche auf Aufnahme gestellt und dann einen führenden Politiker des Übergangsregimes zum Quatschen gebracht. Planungsminister Romero Jucá, eine wesentliche Stütze des Reformregimes, redet sich in den Aufnahmen um Kopf und Kragen. Dilma Rousseff müsse aus dem Amt verschwinden, hatte er kurz vor ihrer Amtsenthebung gesagt – sonst gebe es keine Chance, die Strafverfolgung so vieler korrupter Politiker in Brasília zu stoppen. Dieses "Blutvergießen" müsse aufhören. Abgesprochen sei das alles unter Männern: beim obersten Verfassungsgericht und mit den Generälen, die notfalls auch die Proteste in Schach halten würden.

Für wie viele Politiker hat Jucá da gesprochen? Kann man jetzt noch an gute Absichten dieser Übergangsregierung "zur nationalen Rettung" glauben, die seit dem Abtritt Rousseffs in Brasília regiert? Oder hat die suspendierte Präsidentin doch recht, ist da eine Art Junta an der Macht, die bloß ihre eigenen Verbrechen vertuschen will?

Systematische Korruption

Die inkriminierenden Aufzeichnungen durch den Ölmanager sind mehr als eine Stunde lang, sie liegen bereits der obersten Staatsanwaltschaft des Landes vor und wurden anscheinend auch von dieser der Presse zugesteckt. Für den Ölmanager gibt es offenbar eine Kronzeugenregelung: Er soll eingewilligt haben, im Tausch gegen eine milde Behandlung vor Gericht seine korrupten Buddies reinzulegen. Es soll noch weitere Aufnahmen mit anderen Mitgliedern des Umsturzteams geben, auch mit dem Präsidenten des Senats, durch den in ein paar Wochen endgültig über Rousseffs Abtritt entschieden wird.

Jetzt gibt es eine Menge wütender oder frustrierter Brasilianer. Millionen von ihnen sind in den vergangenen Monaten auf die Straßen gezogen, um gegen Korruption in der Hauptstadt zu demonstrieren: Eifrige brasilianische Staatsanwälte hatten eine Serie von Korruptionsskandalen aufgedeckt, die größten der brasilianischen Geschichte, und endlich sollten dafür mal Köpfe rollen!

Offenbar wurden jahrelang bei großen Ölförderungs- und Bauprojekten drei Prozent der Vertragssumme abgezweigt, systematisch. Das Geld wurde von internationalen Mafias gewaschen und schließlich Politikern in Brasília zugeleitet. Sämtliche großen Parteien waren daran beteiligt, aber die Wut der Bürger entlud sich hauptsächlich an der Präsidentin und an ihrem Amtsvorgänger Lula da Silva. Verständlich: Die zwei eng verbündeten Politiker hatten das Land ununterbrochen seit 2003 regiert – und jetzt können sie schwer behaupten, von all dem nichts gewusst zu haben. Auch wenn Rousseff, persönlich, den meisten als integer und unbestechlich gilt.

Die Aufzeichnungen aus Brasília bestätigen nun die schlimmsten Befürchtungen der Rousseff-Anhänger – und vieler anderer Brasilianer, die sich schlicht um ihre junge Demokratie sorgen. Schließlich war hier bis 1985 noch Militärdiktatur und autoritäre Denkweiten von damals leben in der Politik und in der Bevölkerung fort. Was hat der Minister Jucá da seinem korrupten Gesprächspartner auf Band gesprochen? Der Sturz der Rousseff sei "mit den Generälen" abgesprochen. Sie stünden auch bereit, das Temer-Regime zu stützen und notfalls die protestierenden Gruppen im Land in Schach zu halten. Werden diese Generäle jetzt noch ermittelt und bekannt gemacht werden? Werden sie möglicherweise bestraft?

Regierung oder Gangsterbande?

Das größte Augenmerk liegt aber jetzt auf dem, was Jucá unfreiwillig über die Korruption erzählt hat. Die Brasilianer wussten schon: In dieser Zwischenregierung hat eine überdurchschnittlich große Zahl von Ministern und Zuarbeitern Dreck am Stecken. Korruptionsverfahren und -ermittlungen laufen gegen sie.

Sogar Michel Temer, Rousseffs früherer Vize und jetzt der Übergangspräsident, wurde kürzlich von einem Tribunal wegen Unregelmäßigkeiten in der Wahlkampffinanzierung verurteilt. Nach brasilianischem Recht bedeutet das, dass er acht Jahre lang bei keiner Wahl mehr antreten darf – er könnte auf dem normalen demokratischen Weg also niemals Präsident werden. Als Parlamentschef der Regierung im Abgeordnetenhaus traf Temer eine besonders abenteuerliche Wahl: einen zwielichtigen Politiker, gegen den außer Korruptionsklagen auch noch eine Untersuchung wegen versuchten Mordes läuft. Kritiker fragen sich: Ist das nun eine Regierung oder eine Gangsterbande?

Die Bänder aus Brasília legen nun tatsächlich nahe, dass der Sturz Dilma Rousseffs die Strafverfolgung all dieser feinen Herrschaften unterbinden sollte. Mit Abgeordneten, Senatoren und Mitgliedern des obersten Gerichts sei da gemauschelt worden, um die Staatsanwälte zu stoppen. Eine Verschwörung – das Brasília-Komplott. Nun wird dies das einzige Motiv nicht gewesen sein: Sonst hätten Temer und sein Kabinett in den Tagen nach dem Regierungssturz nicht so entschlossen damit begonnen, echte Politik zu machen. Das halbe Land stülpen sie um – zumindest teilweise aus der Überzeugung heraus, dass die notleidende Wirtschaft des Landes gerettet werden muss. Die Rousseff-Regierung hat in der Wirtschaft einen Scherbenhaufen hinterlassen: Steigende Schulden, schrumpfende Wirtschaft, kein Plan für Verbesserungen in Sicht. Zuletzt war sie monatelang im Parlament isoliert und konnte kaum noch eigene Rettungsprogramme umsetzen.

Kommt Rousseff zurück?

Der Minister Jucá ist erst mal verschwunden – nicht zurückgetreten, aber vorübergehend beurlaubt, bis die Rechtslage geklärt ist. Es fällt schon auf, dass der Zwischenpräsident Temer ihn nicht rausgeworfen hat. Ein Muster zeichnet sich ab. Der neue Justizminister dieser Regierung war gleich nach seinem Amtsantritt auf den obersten Staatsanwalt des Landes losgegangen: Es sei ja keineswegs garantiert, dass dieser noch lange im Amt bleibe, über so etwas entscheide der Präsident! Temer war damals gezwungen, zu beschwichtigen, aber weitergehende Schritte ergriff er nicht.

Die Frage ist jetzt, wie es in Brasília weitergeht. Wenn die nächsten Geheimmitschnitte veröffentlicht werden, setzt sich dieser Skandal wohl fort. Seit dem Wochenbeginn klingt es nun nicht mehr ganz so eigenartig, wenn die abgesetzte Präsidentin Dilma Rousseff und ihre Anhänger von einem Staatsstreich sprechen: "Ganz offensichtlich" sei das jetzt, erklärte sie selbst bei einem Auftritt vor Landwirten.

Doch ist auch völlig offen, welche Folgen das hat. Wenn die Übergangsregierung scheitert und der Umsturz in ein schlechtes Licht gerät, kann Rousseff theoretisch sogar wieder zurückkehren: Im Senat fehlen ihr nur zwei bis drei Stimmen und erste Zweifler haben sich schon gemeldet. Der Senat kann die Entscheidung auch schlicht verweigern, dann ist die Präsidentin nach 180 Tagen wieder automatisch im Amt. Das ist denkbar, dient aber vielleicht gar nicht ihrer Sache. Erstens hätte Rousseff dann wieder die gleichen Probleme wie zuvor – ein feindliches Parlament, das ihr keine konsistente Politik erlaubt. Zweitens kämen gleich die nächsten Verfahren auf sie zu, wegen einer zweifelhaften Finanzierung ihres jüngsten Wahlkampfs nämlich. Mit etwas Pech könnte sie danach ein zweites Mal aus dem Palast fliegen.

Viele sehen Neuwahlen als den besten Ausgang für das Land: ein gemeinsamer Abtritt von Rousseff und Temer und ein Neubeginn, diesmal legitimiert vom Volk. Bloß müssen alle Parteien erst noch überzeugende Kandidaten finden – die auch noch bereit sind, ausgerechnet in einer solch verfahrenen Situation die Führung zu übernehmen.