Es läuft nicht gut. Nicht nur hat Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson Hitler ins Spiel gebracht. Ein früherer Kabinettsminister, EU-skeptisch und aus anderen Gründen inzwischen zurückgetreten, verrät geheime Zahlen und stellt damit die Regierung bloß.

Ein weiterer (ebenfalls Pro-Brexit-)Minister wird verdächtigt, einen Brief der Presse zugespielt zu haben, der eigentlich vertraulich an den Premierminister gerichtet war. Jetzt dient das Schreiben dem Brexit-Lager als Vorlage, um dem Premier eine proeuropäische Verschwörung vorzuwerfen. Dann beschimpft ein früher sehr prominenter (Pro-EU-)Abgeordneter seinen jetzt sehr prominenten Wahlkreisnachfolger (anti-EU) als "obszön" und "grotesk". Und das ist bloß der Zank unter den Tories in den letzten paar Tagen.

Die innenpolitische Debatte darum, ob Großbritannien in der EU bleiben soll oder nicht, ist bösartig. Das Land, das die Heftigkeit seiner Wahlkämpfe sonst mit einem strikten Zeitlimit von sechs Wochen zähmt, erlebt jetzt bereits seit Monaten eine zunehmend giftige Fehde.

"Es ist Krieg auf Leben und Tod"

Gewiss, anders als in Deutschland ist der Streit das Herz der politischen Kultur in Großbritannien. Im Parlament stehen sich Regierung und Opposition (feindselig) gegenüber, anstatt, wie im Bundestag und vielen anderen Parlamenten auf dem Kontinent, zusammen im Halbrund um das Pult für den jeweiligen Redner versammelt zu sein. In Prime Minister‘s Question Time, der wöchentlichen Fragestunde des Premiers, punkten die Kombattanten – Premier und Oppositionsführer – als handele es sich um einen Boxkampf. Spott und Hohn ersetzen die Tiefschläge.

Der Schlagabtausch dieser Referendumskampagne jedoch ist bitterer. Das hat zwei Gründe. Zum einen verläuft die Frontlinie nicht nur zwischen den Lagern derer, die in der EU bleiben, und derer, die austreten möchten. Der Graben zieht sich vor allem mitten durch die Regierungspartei.  "Es ist Krieg auf Leben und Tod", sagt Quentin Peel, vierzig Jahre lang Korrespondent für die Financial Times, unter anderem in Moskau, Brüssel und Berlin: "Es geht bis auf‘s Blut. Mir ist ein Rätsel, wie die Konservativen nach dem Referendum die tiefen Risse in ihrer Partei wieder zukitten wollen." Quentin Peel ist ein gemäßigter, dem Charme zugeneigter Beobachter der politischen Szene. Übertreibungen liegen ihm nicht.

Star-Kommentatorin Mary Dejevsky beobachtet ähnliche Bitterkeiten. Etwa Iain Duncan Smith, einst glückloser Chef der Konservativen Partei, unter Cameron dann Arbeits- und Rentenminsiter und kürzlich über einen Budgetstreit mit Finanzminister George Osborne zurückgetreten: Der Mann werde der Regierung geradezu gefährlich, glaubt Dejevsky. Duncan Smith steht leidenschaftlich auf der Brexit-Seite. Es mag sein, dass er sich auch deshalb für den Rücktritt entschied, um ungehemmter dafür kämpfen zu können.

In jedem Fall ficht er nun ungeniert. Jawohl, gab der Ex-Minister früheren Kritikern Recht, Einwanderer aus der EU würden tatsächlich die Löhne drücken und Briten den Job wegnehmen, so etwa bei den Bauarbeiten für die olympischen Spiele. Das, sagt Kommentatorin Dejevsky, hat die Regierung bis dahin immer bestritten.

Brexit - Die Briten und ihre Beziehungen zur EU Die Briten haben für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Seit dem Beitritt haben die Briten immer wieder eine Sonderrolle beansprucht. Diese Videografik erklärt warum.