Der Präsident hatte es als Heranwachsender nicht leicht. Die sechziger Jahre in China waren militant und ideologisch. Die Familie des jungen Xi Jinping gehörte zum kommunistischen Parteiadel, der Vater, Xi Zhongxun, zu den Gründern der Volksrepublik. Das Leben der Xis in Peking dürfte schön gewesen sein, man war privilegiert. Doch schon 1962 fiel Xi Zhongxun bei Mao Zedong in Ungnade, was ihn auch ins Gefängnis brachte. Damit nicht genug, zettelte Mao vor 50 Jahren, im Mai 1966, die Kulturrevolution an, die auch die Xis zu spüren bekamen.

Mao brauchte etwas, um seine schwindende Macht zurückzuholen, und rief dafür junge Parteikader zur Revolte auf: gegen das Althergebrachte, gegen Kapitalismus und Feudalismus, gegen die Intelligenz in den Schulen und Unis. Mao hatte selbst ein starkes Misstrauen gegenüber Bildung und Traditionen entwickelt, wie der Sinologe Jonathan Spence in einem Porträt über ihn schreibt. 

Mao hatte seine Gegner schnell entmachtet, doch den Feldzug gegen die Kultur ließ er fortführen – in einer ständigen Revolution sollten sich Partei und Gesellschaft erneuern. Mindestens 400.000 Chinesen starben in den Wirren der Kulturrevolution, genaue Zahlen sind nicht bekannt. Auch hochrangige Parteipolitiker zählten zu den Opfern. Viele Chinesen, besonders junge städtische Intellektuelle, mussten fern von ihren Familen auf dem Land leben. Sie waren Klassenfeinde geworden.

Den Terror der Roten Garden beendete schließlich das Militär, ab 1969 waren die Rotgardisten keine Gefahr mehr. Doch die starke Ideologisierung ebenso wie die Verehrung des Charismatikers Mao Zedong – schon seit den frühen Sechzigern baute man kultische Führungslegenden um ihn auf – dauerten an bis zum Tod des Parteiführers 1976.

Deng Xiaoping setzte auf kollektive Führung

Xi Jinping, 1953 geboren und seit 2012 selbst Chef der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), musste, wie viele junge Städter seiner Generation, die Schule verlassen um in einer Dorfbrigade in der Provinz Shaanxi von einfachen Bauern zu lernen. Angeblich schlief er dort wie sie in einer Erdhöhle. Von 1969 bis 1975 dauerte Xis Landverschickung offiziell. Er soll über diese Zeit nur wenig bekannt gegeben haben und wenn, dann meist Negatives.

Die Jugendjahre des heutigen Führungszirkels fielen mehr oder weniger in die letzten zehn Herrschaftsjahre Mao Zedongs und viele Politiker verbinden kaum gute Erinnerungen mit dieser Zeit. Schaut man in ihre Biographien, wurden die meisten von ihnen aufs Land geschickt. Die Zahl der chinesischen Familien, die negative Erfahrungen mit der Kulturrevolution hat sammeln müssen, ist hoch. Dennoch wird die Zeit von 1966 bis 1976 nicht weiter aufgearbeitet. Sie ist regelrecht tabuisiert. Auch an ihrem 50. Jubiläum noch. Warum ist das so?

Als Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre die Macht in China übernahm, musste er den Scherbenhaufen dieser unglückseligen Dekade zusammenfegen. Die Partei nannte die Kulturrevolution bereits 1981 ganz offiziell ein Desaster. Um den fatalen Personenkult Maos und die Machtkonzentration unter ihm zukünftig zu verhindern, setzte er im Politbüro der KPCh auf kollektive Führungszirkel.