Kern hatte sich als Bahnmanager besonders in der Hochphase der Flüchtlingskrise im Herbst höchste Reputation verschafft. Seine ÖBB meisterte die Aufgabe souverän, man fuhr die Flüchtlinge mit Sonderzügen in Unterkünfte – beziehungsweise nach Deutschland weiter –, man öffnete die Bahnhöfe als Notschlafstellen, Kern und seine Leute kooperierten reibungslos mit der Zivilgesellschaft, mit den Tausenden freiwilligen Helfern ebenso wie mit dem Roten Kreuz oder der Caritas. Er meisterte die Spannung zwischen Empathie und kühlem Management.

Als Parteivorsitzender und Kanzler wird Kern, der nicht frei von Charisma ist, noch in vielerlei Hinsicht den Spagat schaffen müssen: Er muss seiner Partei eine klare sozialdemokratische Handschrift verpassen, einfach, damit überhaupt wieder klar wird, wodurch sich die Partei, die immer mehr zum Machtapparat geworden ist, von anderen Parteien unterscheidet; er muss die Sehnsucht nach echten, authentischen, glaubwürdigen Figuren bedienen, ein bisschen Justin Trudeau, ein bisschen Bernie Sanders geben. Zugleich muss er sein Image als "Wirtschaftsmann, der etwas weiterbringt" ausspielen. Denn die Bürger haben die lahmen Traditionsparteien einfach satt und auch den Stillstand und die Selbstblockade in der großen Koalition.

Obendrein muss er die Partei neu aufbauen, die sich seit Jahrzehnten von der bunten Welt draußen abgekapselt hat, und in der nur mehr weitgehend talentlose, graugesichtige Leute hochgekommen sind. Ganz ohne Vorbild ist eine solche Rochade nicht: Die SPÖ war immer dann erfolgreich, wenn sie in der ersten Reihe Leute hatte, die "Wirtschaftskompetenz" ausstrahlten, und mit Franz Vranitzky wurde 1986 ein ehemaliger Bankmanager zu ihrem zweitlängstdienenden Regierungschef.

Kern muss also, kurzum, die Fenster aufmachen und frische Luft hereinlassen. Er muss die Partei ein wenig nach links führen, sehr stark liberale Weltoffenheit repräsentieren und als Person fest die politische Mitte besetzen. Ein wenig wird das eine Quadratur des Kreises. Als wäre all das nicht schwierig genug, muss er das innerhalb einer großen Koalition mit der konservativen Volkspartei schaffen, die alles versuchen wird, um Erfolge des neuen Kanzlers zu verhindern – die also die alte Politik des wechselseitigen Blockierens und Behinderns fortsetzen wird, die die Wähler ja in die Arme der rechten Radauopposition getrieben hat.

Symptom für die Totaldiskreditierung des politischen Systems

Insofern stehen die favorisierten Manager – Kern wie Zeiler – keineswegs für eine Sehnsucht nach entpolitisierten Praktikern, sondern schon auch für Leute, denen zugeschrieben wird, Überzeugungen und "das Herz am rechten Fleck" zu haben. Zugleich ist die Tatsache, dass im Moment nur mehr Leute von außerhalb des innersten Politestablishments für Kanzlerweihen infrage kommen ein Symptom für die Totaldiskreditierung des politischen Systems. Nur mehr Leute von außen können eine Trendwende hinbekommen. Freilich hätte die Sozialdemokratie, nach Jahren der Mediokrisierung der Partei, auch kaum mehr Leute im zentralen Führungskreis, die das Format zum Kanzler hätten. Im Grunde gibt es innerhalb der gegenwärtigen Führungsmannschaft überhaupt nur eine Person, die infrage käme: Der Fraktionsvorsitzende Andreas Schieder. Und dessen Chancen sind nicht zuletzt deshalb gering, weil er eben seit Jahren in den Augen der Wähler Teil des Systems Faymann und Teil des Machtspiels in der großen Koalition ist. Überspitzt formuliert: Im Zentrum der Politik zu stehen, ist heute ein gewichtiger politischer Nachteil, da sich die Bürger eine "ganz andere Politik" wünschen (was immer sie im Einzelnen dann darunter verstehen würden).

Von außen zu kommen, ist also ein Vorteil. Ein Symptom der antipolitischen Stimmungen. Gerade diese schlechte Stimmung, dieser Zorn und die Wut auf die Etablierten, könnten dem nächsten Kanzler und SPÖ-Vorsitzenden aber paradoxerweise zum Vorteil gereichen. Seit Jahren schon liegt politische Depression wie Mehltau auf dem Land. Funktionäre und Wähler der Sozialdemokraten sind frustriert – da würden schon ein paar Signale einer Öffnung, ein paar kluge Sätze und ein wenig politischer Schwung reichen, um die Leute schier in Euphorie zu versetzen. Und der Zustand der Partei, die Gefahr, demnächst endgültig unterzugehen und von den rechtspopulistischen Freiheitlichen dramatisch überrundet zu werden, wird der neuen Führung innerparteilich freie Hand geben. Gegen die jahrelange Praxis, dass irgendwelche Apparatschiks mittelmäßige Vertraute aus ihrer Seilschaft in die Regierung hieven, dagegen wird sich der Neue – mag er am Ende Kern, mag er Zeiler heißen –, erfolgreich wehren können.