Als Abdmunem Kashkash vor drei Jahren zum ersten Mal die syrisch-türkische Grenze überquerte, wurde er von den Grenzsoldaten durchgewunken. Wie viele Aktivisten, die verzweifelt versuchen, ihre Revolution am Leben zu erhalten, pendelte der Anwalt regelmäßig zwischen Aleppo und der südtürkischen Stadt Gaziantep.

Für eine Weile lief die Ein- und Ausreise reibungslos. Doch als Zehntausende vor dem "Islamischen Staat" in die Türkei flüchteten und Hunderttausende weiter nach Europa zogen, wurde der Übergang immer schwieriger. Erst schlossen die Grenzübergänge, dann verstärkten die Türken die Grenze mit Stacheldraht und Betonmauern – bis die Flucht aus Syrien fast unmöglich wurde.

Kashkash war einer von rund 100.000 Flüchtlingen, die nach Angaben der Organisation Médecins Sans Frontières (MSF) im April an der Grenze festsaßen. Schleuser bieten den einzigen Weg in die Türkei. Doch immer mehr Schmuggelversuche gehen tödlich aus: Seit Monaten häufen sich Berichte, dass die türkische Grenzpolizei auf flüchtende Syrer schießt.

Mitte April, in derselben Woche als Angela Merkel ein türkisches Flüchtlingslager besuchte, machte Kashkash sich mit einem Schleuser und 20 anderen Syrern auf den Weg. Nur wenige Hundert Meter entfernt von der Grenze fielen die ersten Schüsse. Die Gruppe warf sich zu Boden. "Die Frauen und Kinder schrien. Aber sie haben weitergeschossen. Ich bin davongerannt", sagt der Anwalt. In einem Café in Gaziantep zeigt er ein Video, dass er direkt danach aufnahm. Ein Vater trägt seinen Sohn durch ein bewaldetes Gebiet nahe der Grenze. Das Kind blutet: Kugeln trafen den Jungen in beide Beine.

Von einer Kugel in die Hand getroffen

"Ich und ein anderer Mann schafften es als Einzige in die Türkei", sagt Kashkash. Ein am Dienstag veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft der türkischen Regierung vor, dass im März und April fünf Flüchtlinge von Grenzschützern erschossen wurden. Vierzehn weitere seien verletzt worden. Unter den Toten seien ein Kind und ein Schmuggler, der von Grenzsoldaten totgeschlagen worden sei.

Der Bruder einer Frau, die erschossen wurde, entkam selbst nur knapp. Eine Kugel traf seine Hand. Als er später die Leiche seiner Schwester bergen wollte, eröffneten die türkischen Grenzsoldaten erneut das Feuer. "Wir werden nicht noch einmal versuchen, in die Türkei zu gehen", sagte er HRW. "Es ist zu gefährlich."

Die Alternative ist nicht viel sicherer. Auch die Lager für syrische Binnenflüchtlinge entlang der türkischen Grenze werden immer öfter attackiert. Ein Luftangriff auf das Kamuna-Lager nahe der Grenze tötete vergangene Woche 30 Menschen. Trotzdem hält die Türkei ihre Grenze geschlossen und wirbt stattdessen für eine "Sicherheitszone" in Nordsyrien. Ein Plan für den Merkel sich während ihres Türkeibesuchs aussprach. NGOs und die Vereinten Nationen halten eine solche Zone für zu riskant.

Überhaupt bestreitet die Regierung in Ankara, dass die Grenzen geschlossen wären. Seit Beginn des Bürgerkriegs, so behaupten Politiker und Pressemitteilungen der Regierung immer wieder, führe die Türkei eine "open border policy" und halte ihre Tore offen für syrische Flüchtlinge. Denn das Gegenteil verstößt gegen internationales Recht. Unter der Non-refoulement-Regel ist es illegal, Asylsuchende in Lebensgefahr an der Grenze zurückzuweisen. Aber Organisationen wie HRW und Amnesty International haben Hunderte von solchen Fällen dokumentiert.

"Bei meinem ersten Versuch haben Soldaten mich verhaftet und nach Syrien zurückgeschickt", erzählt Mahmoud, ein Aktivist aus Idlib. Er hätte Glück gehabt, sagt er, dass die Soldaten ihn nicht zusammenschlugen. So wäre es Freunden von ihm passiert. "Das passiert, weil Europa uns nicht mehr haben mag", glaubt er. Mahmouds Kollegin nickt. "Frag mal die Europäer, ob das Teil des Abkommens ist", fordert sie. "Warnschüsse gibt es schon länger, aber seit März schießen sie auf uns." Auch Amnesty International und die Organisation Syrian Observatory for Human Rights warfen der Türkei in den letzten Monaten vor, Syrer an der Grenze erschossen zu haben.

Ende März einigte sich die Europäische Union mit der türkischen Regierung, Flüchtlinge von Griechenland zurück in die Türkei zu schicken. Den Zahlen zufolge ist das umstrittene Abkommen ein Erfolg: Weitaus weniger Boote erreichen die griechischen Inseln. Das liegt zum Teil auch daran, dass weniger Flüchtlinge den Weg in die Türkei schaffen. Nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR reisten im letzten Sommer etwa zwei Drittel aller Syrer nach der Grenzüberquerung direkt nach Griechenland weiter. Ein Drittel blieb weniger als einen Monat in der Türkei. 

Weil das Ergebnis passt, schweige die EU zu den Berichten über Tote und Verletzte an der Grenze, sagt Gerry Simpson, Flüchtlingsexperte von Human Rights Watch. Er spricht von einem "Schleier der Stille" in der EU, die "Angst vor der Türkei" hätte. Dabei sollte Europa viel mehr die Konsequenzen der Grenzschließung fürchten, sagt Kashkash, der Anwalt aus Aleppo: "Je länger ihr diese Krise ignoriert, desto mehr Leute werden wütend auf euch und desto mehr Leute zieht es zu den Islamisten."