"Sehr fragwürdige Dinge passieren!" – Seite 1

"Wer seine Heimat liebt, der darf sie nicht spalten", wettert ein wütender FPÖ-Parteichef in die Mikrofone der Journalisten in der Wiener Hofburg. Die Spalter, das sind für Heinz-Christian Strache alle Parteien außer seiner FPÖ. Und die Medien, allen voran der öffentlich-rechtliche Sender ORF. Sie alle sind schuld daran, dass vorerst keiner sagen kann, ob sein Kandidat Norbert Hofer denn nun Bundespräsident von Österreich sein darf oder nicht

Denn Strache will endlich am Ziel sein, will endlich Bundeskanzler werden. Hilfreich dafür wäre ein FPÖ-Bundespräsident Hofer und im besten Fall Neuwahlen. Denn das Parlament soll in Österreich erst wieder 2018 gewählt werden und bis dahin könnte die FPÖ ihre momentan hohe Zustimmung wieder eingebüßt haben.

Darum spaltet Strache bis nachts um halb drei. Über Twitter und Facebook setzt er verschwörerische Nachrichten ab: "Sehr fragwürdige Dinge passieren!" Strache wundert sich öffentlich über ein vermeintliches Endergebnis, das vom Bundesinnenministerium veröffentlicht worden war – völlig unrealistische Testzahlen waren versehentlich online gegangen. Das Ministerium entschuldigte sich für diese Panne bereits.

Strache wunderte sich aber vor allem darüber, warum der ORF in seinen Wahlanalysen nicht nur die ausgezählten Stimmen zeigt, sondern auch die noch auszuzählenden Briefwahlkarten in die Prognosen einbezieht. Nach ausgezählten Stimmen liegt FPÖ-Kandidat Hofer nämlich bei 52 Prozent. Aber da fehlen eben noch etwa Hunderttausende Briefwähler, die traditionell vor allem grün, in diesem Fall wahrscheinlich vor allem den Gegenkandidaten Alexander Van der Bellen gewählt haben. Dieser Annahme aber misst Strache kein großes Gewicht bei: "So ein diametrales Ergebnis gegen den allgemeinen Wahltrend kann es bei den Wahlkarten nicht geben! Das würde entgegen aller internationalen Erfahrungen verlaufen."

FPÖ spricht vorsorglich von Wahlbetrug

Denen, die ohnehin schon eine Verschwörung im Sinne Van der Bellens witterten, will Strache jetzt Futter geben. Unter seinem Post schreibt ein FPÖ-Anhänger: "Also ich wette es wird betrogen !!! ich kann ja alleine schon nicht glauben das 48 Prozent der leute einen alten dementen mann ihre stimme gegeben haben." Er erhält Zustimmung von der Community. Schon den ganzen Wahltag über hatten Menschen in den sozialen Netzwerken angebliche Unstimmigkeiten bei der Bundespräsidentenwahl gewittert. Ausgerechnet in jenen Bezirken, in denen die FPÖ stark ist, hätten Wahllokale früher geschlossen als beispielsweise in Wien. Das ist zwar richtig, hat aber nichts mit der FPÖ zu tun. In ländlichen Regionen und kleinen Gemeinden wird das bei Wahlen mitunter so gehandhabt. Das ist hinlänglich bekannt und die Gemeinden informieren alle Bürger darüber, bis wann sie gewählt haben müssen.

Auch in der Wiener Hofburg, wo die TV-Studios aufgebaut sind und Gäste Zugang haben, wird geraunt. Eine Frau beschwert sich am Eingang: "Ein Skandal! Mein Sohn und meine Nichte konnten beide nicht wählen." Die Briefwahlunterlagen seien zu kompliziert zu beschaffen gewesen.

Nachdem Hofer seinem Kontrahenten Van der Bellen vor laufenden Kameras artig die Hand gegeben hat, hilft auch er mit beim vorsorglichen Säen der Zweifel an der Richtigkeit dieser Wahl: Er wird zum Wiener Prater gefahren. Dort feiert die FPÖ ihren Erfolg mit einem Volksfest in der Prater Alm. Holzhütten, Bierbänke mit rot-weiß-roten Fähnchen und eine große Bühne mit großem Norbert-Hofer-Banner. Auf der Bühne begrüßt ihn sein Parteivorsitzender. Neben Strache fällt es Hofer vor Hunderten Menschen nicht schwer, zu sagen: "Bei den Wahlkarten wird ja immer so ein wenig eigenartig ausgezählt."

Frauke Petry feiert mit der FPÖ

Das Publikum zwischen den zünftigen Holzhütten ist zufrieden. Sie speisen gebratene Schnitzel vom Schwein mit Erdäpfelsalat, Kasnock’n mit Röstzwiebeln und herzhaftes Rindsgulasch mit Knödl. Dazu spendiert die FPÖ zapffrisches Bier und Almdudler. Mit Playbackgesang spielt die geneigte John-Otti-Band ihren Song Immer wieder Österreich. Die Moderatorin des Partei eigenen YouTube-Kanals FPÖ-TV fordert das Publikum noch einmal auf, "unserem lieben Norbert Hofer zu danken". Der findet daraufhin noch einmal letzte Worte, bevor er die Bühne verlässt und auf das Wahlergebnis warten muss: "Das Leben ist kurz. Aber lange genug, um Österreich zu dienen."

Wo Österreich ist, muss Deutschland nicht weit sein. In einer der aufgebauten Almhütten aus Holz sitzt die Parteivorsitzende der AfD Frauke Petry gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und Europaabgeordneten Marcus Pretzell und ihrem neuen Pressesprecher Markus Frohnmaier. Die FPÖ habe sie eingeladen, man habe den Wahlkampf in Österreich gespannt verfolgt. "Wir wussten, dass der Wahlkampf für die FPÖ hart ist, weil auch in den Medien nicht immer mit fairen Mitteln gespielt wurde. Das ist für uns aber keine Überraschung. Das ist in Deutschland ja nicht viel anders." Der Erfolg der FPÖ sei Ausdruck einer Erkenntnis, die sich in Europa immer mehr durchsetze: Gegen den Willen der Bürger könne man keine Politik mehr machen.

Warum Erstwähler für die FPÖ stimmen

In Europa wieder stärker die Interessen der Nationalstaaten in den Vordergrund zu stellen, sei kein Widerspruch zur europäischen Idee, findet Petry. "Im Grunde sagen wir nichts anderes als die Verfechter einer bunten Vielfalt. Wir können die europäische Vielfalt leben, aber eben indem wir die Unterschiede beibehalten." Deshalb kooperiere die AfD auf europäischer Ebene längst mit der FPÖ – auch wenn es Unterschiede gebe: "Beim Thema Sozialpolitik ist die FPÖ einen Weg gegangen, der sehr starke sozialdemokratische Züge trägt." Die AfD hingegen sehe sich als konservativ-liberale Partei. Klar wolle man auch Wähler der Sozialdemokraten abholen. "Wir wollen aber keine sozialdemokratische Politik fortführen, die immer auf mehr Staat als auf mehr Befähigung des Bürgers gesetzt hat", sagt sie.

Ein paar Meter entfernt von Petry und Pretzell sitzen Philipp und Berni. Die beiden 16 Jahre alten Schüler kennen die AfD. "Die sind gerade an dem Punkt, an dem die FPÖ vor ein paar Jahren auch noch war", sagt Philipp. Er und sein Freund haben am Wochenende zum ersten Mal gewählt. Sie sagen, nur bei Hofer seien sie sich sicher gewesen, dass Österreich an erster Stelle komme. Alexander Van der Bellen sei schlichtweg ein Lügner.

"Ändern wird sich eh nix"

Philipp bezeichnet sich als Patriot. Berni findet, dass klar sein müsse, dass es in erster Linie den Österreichern gut gehe. Ob sie die FPÖ aber auch bei den kommenden Parlamentswahlen unterstützen, wissen sie noch nicht. "Wenn Hofer jetzt Präsident wird und die anderen Parteien endlich ihre Politik ändern, dann kann es gut sein, dass ich auch eine andere Partei wähle", sagt Berni und Philipp ergänzt: "Außer die Grünen, von denen bin ich wirklich sehr weit entfernt."

Schlimm finden beide, dass sich unter die FPÖ-Anhänger auch immer wieder Leute mischen, die den Hitlergruß zeigen. Schlimm finden sie aber auch, dass dann gleich alle Anhänger verdächtigt würden, Nazis zu sein. Idioten gebe es immer.

Draußen auf dem Platz vor den nachgebauten Almhütten spielt noch einmal die John-Otti-Band für die FPÖ. Im Hintergrund heulen die Achterbahnen auf dem Prater. Der Frontmann ruft ins Mikrofon: "Es gibt nur ein Gas. Und zwar Vollgas." Rot-weiß-rote Fahnen wehen im Publikum. Noch eine Runde Bier. Noch einmal Österreich. Eigentlich herrscht pure Gemütlichkeit, wäre da nur nicht das ungemütliche Unentschieden, das erst in einigen Stunden entschieden sein wird. Doch ein paar Kilometer weiter im 20. Bezirk gibt es an einem der für Wien typischen Würstlstände Entwarnung: Der Wirt verkauft Käsekrainer und Dosenbier und sagt: "Es is' doch egal, wer’s wird. Ändern wird sich eh nix."