In allen iranischen Zeitungen machte das Thema Schlagzeilen. "Kein Hadsch in diesem Jahr", titelte Arman-e Emrooz. "Die saudische Regierung raubt Iranern den Hadsch", sekundierte Jomhouri Eslami. In empörten Netzkommentaren setzten fromme Perser noch eins drauf. Solange das korrupte Haus Al-Saud regiere, sollte man überhaupt nicht mehr nach Mekka fahren, schimpften einige.

Und so waren sich die meisten rasch einig: Der Buhmann für diese außergewöhnliche religiöse Boykottaktion sitzt in Riad. Einzig die Zeitung Ghanoon wagte es, auch die iranische Rolle bei der Eskalation der Spannungen kritisch zu beleuchten. "Ein Werk mit Absicht – wie der Hadsch für die iranischen Pilger annulliert wurde", titelte das Blatt und konzentrierte sich vor allem auf den eigenen Mob, der Anfang Januar die saudische Botschaft in Teheran angegriffen und teilweise in Brand gesteckt hatte.

Als Reaktion kappte Saudi-Arabien damals die diplomatischen Beziehungen und stellte alle Wirtschaftskontakte mit dem nördlichen Nachbarn ein. Ausgelöst worden waren die Tumulte durch die Hinrichtung des Predigers Nimr al-Nimr, der mehr Rechte für die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien gefordert hatte.

Die Absage des Hadsch markiert eine weitere brisante Zuspitzung im Verhältnis der beiden Antagonisten am Persischen Golf, die sich an vielen nahöstlichen Schauplätzen – Syrien und Libanon, Irak und Bahrain sowie im Jemen – gegenüberstehen und ihren Hegemonialkampf inzwischen auch im virtuellen Raum ausgetragen.

So beschuldigte Teheran jetzt seinen Widersacher Riad, die Homepage der iranischen Internetpolizei, des nationalen Grundbuchamtes, der Statistikbehörde und der Post gehackt zu haben.

2012 war die saudi-arabische Ölgesellschaft Aramco Opfer einer ähnlichen Cyberattacke gewesen. Damals stand der Iran im Verdacht, der sich offenbar für einen Datenangriff auf das Computersystem des Ölhafens von Charg rächen wollte, über den ein Großteil der Exporte abwickelt werden.

Grundpflicht eines jeden Muslims

Der Hadsch einmal im Leben gehört zu den fünf religiösen Grundpflichten jedes Muslims. 2015 nahmen zwei Millionen Gläubige aus aller Welt, darunter 60.000 Iraner, an dem fünftägigen Ritual in Mekka teil. Allein im letzten Jahr bescherte der fromme Massentourismus dem Königreich Einnahmen von 18 Milliarden Dollar.

"Angesichts der Rhetorik und des Benehmens der saudischen Seite gegenüber der iranischen Delegation und angesichts der errichteten Hürden ist ein Hadsch in diesem Jahr unmöglich", erklärte nun Irans Minister für Kultur und Islamische Rechtleitung, Ali Dschannati. Uneinig waren sich beide Seiten nicht nur über die Visaprozeduren und Landerechte iranischer Pilgerflugzeuge, sondern auch über die künftigen Sicherheitsvorkehrungen.

Denn im letzten Jahr wurden bei einer Massenpanik in Mekka mindestens 2.400 Wallfahrer totgetrampelt – das schlimmste Unglück in der Geschichte des modernen Hadsch. Allein 460 Iraner starben, einige sind immer noch vermisst und wurden vermutlich vor Ort in Massengräbern verscharrt.

Auch acht Monate danach hat die saudische Seite keinen Bericht zu den Ursachen der Katastrophe vorgelegt, keine Verantwortlichen identifiziert, geschweige denn zur Rechenschaft gezogen.

Obendrein beharrt Riad weiter darauf, es seien lediglich 769 Pilger ums Leben gekommen, obwohl allein die Addition der Opfer von 36 der 180 Teilnehmernationen eine mindestens drei Mal höhere Zahl belegt.

Man werde entlang der Pilgerstrecken 1.800 zusätzliche Kameras installieren und einen zentralen Kontrollraum einrichten, um mögliche Probleme sofort zu erkennen, kündigte kürzlich Kronprinz und Innenminister Mohammed ibn Naif an, der für die Hadsch-Sicherheit verantwortlich ist. Über die Tragödie im letzten Jahr jedoch verlor der saudische Thronfolger kein einziges Wort.