Regierungschefs, Hilfsorganisationen, die Vereinten Nationen (UN): Zwei Tage lang haben Vertreter beim humanitären Weltgipfel in Istanbul über die Zukunft der weltweiten Nothilfe diskutiert. Dabei geht es um mehr Geld, als je zuvor: Allein die UN fordern 2016 rund 20,3 Milliarden Dollar, um Menschen in Krisengebieten zu versorgen. Insgesamt sammelten die UN und Hilfsorganisationen im vergangenen Jahr rund 28 Milliarden Dollar für die Nothilfe – fünf Mal mehr als noch im Jahr 1990.

Dass mehr gespendet wird, liegt auch daran, dass noch nie so viele Menschen auf der Flucht waren wie heute. Rund 60 Millionen Menschen fliehen derzeit vor Krieg und Gewalt, schätzt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Hinzu kommen Millionen Betroffene von Naturkatastrophen wie Dürren oder Erdbeben.

Wo das Risiko für humanitäre Krisen am größten ist

Eine humanitäre Krise droht dort, wo die Gefahren von Naturkatastrophen oder Krieg hoch und die sozialen Sicherungssysteme schwach sind. Rund 3,3 Milliarden Menschen leben in Ländern mit hohem oder sehr hohem Risiko.

Angesichts der hohen Zahl von Bedürftigen, sieht die Rekordsumme an Hilfsgeldern weit weniger beeindruckend aus. Die Nothilfeprogramme der UN sollen in diesem Jahr rund 89 Millionen Menschen auf der Welt helfen, mehr, als Deutschland Einwohner hat. Die dafür vorgesehene Summe – 20,3 Milliarden Dollar – entspricht etwa den Ausgaben des Bundeslandes Bayern für Bildung und Kultur. 

Der Großteil der Nothilfegelder stammt von Regierungen. Doch auch private Spenden haben Gewicht: Rund ein Drittel aller Hilfsgelder waren 2015 Spenden von Einzelpersonen oder Unternehmen.


Schaut man auf absolute Zahlen, sind die USA und die Staaten der EU die größten Geberländer. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt verschiebt sich jedoch das Bild: Dann liegen Staaten vom arabischen Golf und aus Skandinavien vorn. Die Hilfe vom Golf ist seit Beginn der jüngsten Kriege im Nahen Osten deutlich gestiegen. Von 2011 bis 2014 haben sich die Hilfsgelder aus Katar, Kuwait, Saudi Arabien und den Emiraten vervierfacht.

Die UN spielen eine wichtige Rolle beim Sammeln und bei der Verteilung von Spenden. Mit jährlichen Nothilfeappellen ruft das UN-Koordinationsbüro für Humanitäre Hilfe OCHA zu Spenden für Krisengebiete weltweit auf. Das Geld, das dabei zusammenkommt, wird an Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder das Internationale Rote Kreuz verteilt, die in den Krisenländern Projekte umsetzen. So soll vermieden werden, dass sich Organisationen in ihrer Arbeit überschneiden. Im Schnitt macht der Etat der UN-Nothilfeappelle etwa zwei Drittel der internationalen Hilfen aus. An den Zahlen der UN lässt sich deshalb relativ gut verfolgen, wie sich die humanitäre Hilfe in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Wo die Vereinten Nationen 2016 Nothilfe leisten

Obgleich die Summe der Hilfen seit Jahren steigt, entsprechen die Spenden bei weitem nicht dem Bedarf. Im Schnitt kommen jährlich nur rund zwei Drittel der von den UN geforderten Gelder zusammen. Und noch nie war das Haushaltsloch für Nothilfe so groß wie im vergangenen Jahr: 2015 kamen nur 55 Prozent des benötigten Geldes zusammen. In den ersten fünf Monaten 2016 ging erst ein Fünftel des Budgets ein. Für die Bedürftigen bedeutet weniger Geld ganz konkret weniger Hilfe. So mussten 2015 die Lebensmittelhilfen für syrische Flüchtlinge im Nahen Osten deutlich gekürzt werden. Am Ende blieben Flüchtlingen in Jordanien zeitweise umgerechnet nur etwa 50 Cent für Essen pro Tag.

Humanitäre Hilfe ist zwar zunächst für akute Notlagen gedacht, wird aber häufig langfristig geleistet. So flossen 2013 rund 90 Prozent der Hilfen in Krisengebiete, die schon jahrelang auf Notversorgung angewiesen sind. Für Bedürftige wie Helfer ist das nicht unproblematisch: Flüchtlinge harren oft jahrelang in Lagern aus, Helfer müssen immer umfangreichere Strukturen schaffen. Der Ausnahmezustand wird zum Alltag.