Dilma Rousseffs Zustimmungswerte lagen vor ihrer Suspendierung bei einem für ein Staatsoberhaupt legendär niedrigen einstelligen Wert. Glaubt man den Umfragen, wird sie dabei nur noch von ihrem Nachfolger unterboten: Interimspräsident Michel Temer kann sich auf gerade einmal zwei Prozent Zustimmung stützen, 58 Prozent befürworten ein Amtsenthebungsverfahren auch gegen ihn. Neuwahlen wird Temer daher um jeden Preis zu verhindern suchen. Ein Neuanfang sieht anders aus.

Temer war Vize der bisherigen Regierung und daher mitverantwortlich für viele der derzeitigen Probleme. Seine Partei der demokratischen Bewegung (PMDB) ist wie kaum eine andere in den Korruptionsskandal verwickelt. Auch gegen Temer laufen Ermittlungen.

Das Amtsenhebungsverfahren gegen Rousseff hatte der einstige Stellvertreter mit initiiert. Bereits im Dezember brachen Temer und Rousseff öffentlich. Der 75-jährige Sohn libanesischer Einwanderer beklagte sich über verlorenes Vertrauen und schrieb, er dürfe lediglich "Dekorationsvize" sein. Daraufhin ließ seine PMDB die Koalition platzen, Temer allerdings blieb Vize, um Rousseff beerben zu können. Die Präsidentin bezeichnete ihn als Verräter, der britische Guardian schrieb: "Im Vergleich zu Temer ist Judas ein Anfänger."

Temer war darauf vorbereitet, Rousseffs Nachfolger zu werden. Das beweist nicht zuletzt die Ansprache, die er für den Fall von Rousseffs Absetzung aufgesetzt hatte und die vorzeitig publik wurde. Der promovierte Jurist wirkt seit fast drei Jahrzehnten in der Hauptstadt Brasília und gilt, anders als Rousseff, als ausgezeichneter Netzwerker. Temer war Präsident des Abgeordnetenhauses und führt seit 2001 die PMBD. Öffentlich trat er bislang selten in Erscheinung. Er gilt, ähnlich wie Rousseff, nicht als großer Redner.

Temer gilt als wirtschaftsfreundlich

Temers Partei und er selbst sind ideologisch flexibel, stehen aber der Wirtschaft und ihren Führern nahe. Vertreter von Banken und großen Unternehmen setzen auf ihn und Temer setzt auf sie: Auf den inoffiziellen Listen seines neuen Kabinetts stehen viele Namen aus der Wirtschaft, alle sind männlich, alle weiß. Einige sollen bereits in der Militärdiktatur Posten besetzt haben, gegen viele wird wegen Korruption ermittelt.

Beobachter fürchten, dass Temer seine Macht nutzen wird, um die Ermittlungen im Petrobras-Skandal zu stoppen – zu Gunsten seiner Unterstützer und sich selbst.

Die Wall Street mag Temer – die Brasilianer nicht

Die Wirtschaftsvertreter trauen Temers Regierung durchaus zu, dringend notwendige und lange verschleppte Reformen umzusetzen. Temer gilt als besonnener Vermittler. Allerdings drohen Massenproteste, sollte er die Sozialprogramme der Arbeiterpartei anrühren. Nach dem umstrittenen Verfahren gegen Rousseff kann die neue Regierung keinesfalls auf stabile politische Verhältnisse zählen oder auf Unterstützung hoffen. Für Reformen ist daher eher Durchsetzungskraft vonnöten. CNN fasst das so zusammen: "Die Wall Street mag ihn – die meisten Brasilianer nicht".

Die meisten Brasilianer kennen Temer bislang vor allem wegen seiner Ehe mit der 32-jährigen Schönheitskönigin Marcela, die seinen Namen in ihren Nacken tätowieren ließ. Im August lernen wenigstens die Staats- und Regierungschefs von mehr als 80 Ländern Temer kennen. Dann eröffnet er die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Sollte das Abwahlverfahren gegen Rousseff endgültig Erfolg haben, kann Temer ihre Legislatur bis Dezember 2018 fortführen.

Mit Material von dpa