Auch sein Leben änderte sich schlagartig. Jahrelang hatte der US-amerikanische Journalist David Lepeska von Istanbul aus für renommierte Medienhäuser wie den britischen Guardian, den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera und das US-Magazin Foreign Affairs gearbeitet. Doch Ende April wurde er an der Passkontrolle auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul gestoppt. Ankara müsse erst entscheiden, ob er überhaupt ins Land könne, hieß es. Fast 20 Stunden lang wartete Lepeska. Vergeblich. Dann buchte er einen Flug nach Chicago. Bis heute wartet er auf eine Erklärung aus der Türkei, warum man ihm die Einreise verweigert hat.

"Im März hatte ich über die abnehmende Pressefreiheit in der Türkei geschrieben, als stünde ich selbst weit entfernt vom Schlachtgewühl", schreibt Lepeska in einem Artikel in Foreign Affairs. "Jetzt begreife ich, dass ich die ganze Zeit der Frosch im köchelnden Wasser war, häuslich eingerichtet im Tumult, glückselig und unwissend, dass sich um mich herum längst Blasen gebildet hatten." 

Lepeskas Gefühl dürften viele Berichterstatter in der Türkei, in Ägypten und in anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens teilen. Ausländische Journalisten werden in einige Länder gar nicht mehr gelassen, vielen der Zugang zu Informationen extrem erschwert. Und damit wird das Bild dieser Region in den westlichen Medien immer unschärfer.

Dabei sind der Nahe und Mittlere Osten in den Schlagzeilen gut vertreten, mindestens seit Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings. Seitdem berichten europäische und US-amerikanische Medien nicht mehr vornehmlich über Terrorzellen und Kriegshandlungen in diesen Ländern, Themen, die irgendwie auch den Westen betreffen. Als die jungen arabischen Aktivisten in den Straßen von Tunis, Kairo und Damaskus für soziale Gerechtigkeit und Freiheit demonstrierten, erkämpften sie sich auch ihren Platz im vormals dem Westen vorbehaltenen demokratischen Diskurs.

Nun aber scheinen wir Zeugen eines aufmerksamkeitsökonomischen Rückfalls zu sein. Libyen, wo seit dem Sturz Gaddafis vor fünf Jahren ein brutaler Machtkampf herrscht, ist für die westliche Öffentlichkeit eine Blackbox. Weil Journalisten nur unter großer Lebensgefahr aus dem dortigen Bürgerkrieg berichten können, gibt es so gut wie keine Informationen aus dem Land. 

Kriege, die vergessen werden

Ähnlich ist es in Syrien: Weil es nur sehr wenigen unabhängigen Beobachtern gelingt, in das vom Krieg zerrüttete Land zu kommen, lassen sich die wenigsten Aussagen der Kriegsparteien und der Zivilisten prüfen. Der Jemen, wo sich Huthi-Rebellen und Anhänger des Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi bekämpfen, wird wegen der spärlichen Informationslage in der westlichen Welt nahezu vergessen. Doch selbst in Ländern, wo formal Frieden herrscht, wird der Zugang zu Informationen für westliche Berichterstatter immer schwieriger.

Das gilt nicht nur für die Türkei, sondern in größerem Ausmaß auch für Ägypten. Hier herrscht der Polizeistaat von Präsident Abdel Fattah al-Sissi. Der geht spätestens seit 2013 mit Härte gegen Oppositionelle vor: Nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi wurden erst Tausende Anhänger der Muslimbrüder verhaftet, die Bruderschaft als Terrororganisation eingestuft und verboten. 

Dann begann die Hetzjagd auf sämtliche Kritiker des Systems: Einstige Revolutionäre werden verfolgt und gefoltert, Medien- und Kulturhäuser durchsucht und geschlossen, Aktivisten, Blogger, Fotografen und vor allem Journalisten inhaftiert. Mehr als 20 Journalisten sind derzeit wegen ihrer Arbeit im Gefängnis, viele werden misshandelt und gefoltert. Verfolgt werden ägyptische und westliche Berichterstatter gleichermaßen. 

"Der Zugang ist im Mittleren Osten vielfach repressiver geworden. Einige Regierungen wollen offensichtlich verhindern, dass ihr oft menschenrechtswidriges Verhalten bebildert wird", sagt der Politik- und Medienwissenschaftler Kai Hafez von der Universität Erfurt. Laut Hafez fördert unsere politische Kultur diese Entwicklungen; denn Konsequenzen hat die rigide Einschränkung der Meinungsfreiheit für viele Staaten des Mittleren Ostens nicht – im Gegenteil.  

Aus Ägypten vernimmt man in der westlichen Presse etwa Berichte über denkwürdige Treffen wie jenes von SPD-Chef Sigmar Gabriel mit Ägyptens Autokraten al-Sissi, das den deutschen Wirtschaftsminister zu Sätzen wie diesen hinriss: "Sie haben einen beeindruckenden Präsidenten." Ein solcher Satz ist ein diplomatisches Geschenk für den autokratisch regierenden ägyptischen Herrscher – und ein Hohn für alle jene, die seit Jahren seine Repressionen spüren.

Krisenorientiert und kurzatmig

Ob diese politischen Zwänge allerdings bedeutsame Folgen für den westlichen Blick auf diese Länder haben, stellt Medienwissenschaftler Hafez in Frage. "Wir produzieren auch ohne diese Repressionen sehr fragmentarische Weltbilder", sagt er. "Wir bilden von den Vorgängen in diesen Ländern nur die Spitze des Eisbergs ab. Alles andere bleibt uns verborgen."

Vielmehr führt auch der westliche Blick selbst häufig zu einem verzerrten Bild der Region. "Die Auslandsberichterstattung ist vielfach viel zu selektiv, krisenorientiert und kurzatmig", sagt Hafez. So seien meist Konflikte oder Kriege Aufhänger für Berichte aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens – sonst fielen sie aus dem Sichtfeld. Nur wenn Dinge geschehen, die aus westlicher Sicht überraschend sind, sorgt das kurzzeitig für mediale Aufmerksamkeit. Die für Demokratie demonstrierenden jungen Menschen in den arabischen Ländern etwa widersprachen dem Bild der vermeintlich unmodernen und demokratiefeindlichen Muslime, das sich viele Europäer gemacht hatten.