Bis zum nächsten Nato-Gipfel am 8. und 9. Juli in Warschau sind es noch zwei Monate. Aber schon jetzt ist bei denen, die dieses Treffen vorbereiten, Anspannung zu spüren. Der Gipfel könnte darüber entscheiden, ob die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland um noch etliche Grade weiter abkühlen, ja, ob wir uns in Richtung eines neuen Kalten Krieges bewegen.

Seit der russischen Aggression gegen die Ukraine und der Annexion der Krim im Frühjahr 2014 ist es mit der "Partnerschaft" zwischen Moskau und der Nato vorbei, wie sie in der Nato-Russland-Grundakte von 1997 postuliert wurde. Der Westen reagierte mit Sanktionen – und mit einer Rückbesinnung auf die traditionelle Bündnisverteidigung in Richtung Osten. Auf dem letzten Gipfel in Wales beschloss die Allianz im September 2014 die Aufstellung neuer schneller Einsatzkräfte. "Rückversicherung" für die sich von Russland bedroht fühlenden Osteuropäer war die Devise.

Aber "Rückversicherung" reicht manchem nicht mehr. Polen und die baltischen Staaten fordern größeren Schutz, und vor allem bei Amerikanern und Briten finden sie dafür viel Verständnis. Plötzlich macht ein Wort wieder die Runde, das uns aus den Zeiten des ersten Kalten Krieges nur zu vertraut ist: Abschreckung.

Nicht, dass die Nato die Doktrin der Abschreckung je offiziell aufgegeben hätte, auch nicht die Abschreckung mit Atomwaffen. Aber politisch schien sie überwunden, durch Rüstungskontrolle und Abrüstung eingehegt, durch vielfältigen Dialog entschärft.

Jetzt werden Soldaten und schweres Gerät in die baltischen Staaten geschafft, bisher nur auf rotierender Basis, denn eine "dauerhafte" Präsenz "substanzieller" militärischer Einheiten verbietet die Nato-Grundakte. Deren Vereinbarungen sind aus Sicht mancher Osteuropäer aber durch die Ukraine-Krise hinfällig geworden; andere Nato-Staaten, darunter die Bundesrepublik, wollen jedoch an ihnen festhalten.

Und so macht die Bundesregierung beides: Sie beteiligt sich an der Verstärkung der Militärpräsenz im Osten und versucht zugleich, den Dialog mit Moskau aufrechtzuerhalten. Nicht zuletzt auf Drängen Berlins tagte vor Kurzem nach zweijähriger Pause wieder der Nato-Russland-Rat. "Wir machen die ganze Zeit Angebote", heißt es im Auswärtigen Amt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier schlug vor, Russland wieder an den Tisch der G 7 zurückzuholen und damit zur G 8 zurückzukehren. Aber er weiß, dass es in den USA keinerlei Neigung gibt, derzeit ein solches Signal an Wladimir Putin auszusenden.

Putin selbst, sagt einer seiner engsten Vertrauten im Gespräch, habe das Interesse an G 8 verloren. Er "promote" stattdessen die Brics-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) und halte im Übrigen die G 20 inzwischen für relevanter als die G 8.

Auf die geplante Stationierung von vier Nato-Bataillonen im Baltikum und in Polen reagiert Putin mit der Verlagerung von drei Divisionen in den Westen Russlands. Vor allem aber könnte er seine Streitkräfte in der ohnehin schon hoch militarisierten Exklave Kaliningrad weiter ausbauen.

In Berlin wird genau das befürchtet. Zumal die Anlagen zur Raketenabwehr, die von den USA in Rumänien und in Polen errichtet werden, demnächst einsatzbereit sind. Beides – nach vorn verlagerte Truppenpräsenz und amerikanische Raketenabwehr – könnte Russland veranlassen, seinerseits beschleunigt aufzurüsten. Die größte Sorge im Westen: Putin könnte mit Hinweis auf die Raketenabwehr den INF-Vertrag über die Vernichtung landgestützter nuklearer Kurz- und Mittelstreckenraketen aufkündigen, den Michail Gorbatschow und Ronald Reagan im Dezember 1987 unterzeichnet haben.

Wenn wir nicht höllisch aufpassen, könnten wir bald am Beginn eines neuen Rüstungswettlaufs stehen. Sowohl die Amerikaner wie die Russen haben begonnen, ihre taktischen Nuklearwaffen zu modernisieren. Eine besondere Gefahr geht dabei von atomar bestückten Marschflugkörpern aus, an denen beide Seiten arbeiten.

Dies also könnte das eigentliche Thema des Warschauer Nato-Gipfels werden: die Modernisierung der Trägertechnologien, also von Raketen und Cruise-Missiles, – auch von solchen, die atomar bestückt werden können. Und damit verbunden das, wie es unter Diplomaten heißt, "Problem der falschen Perzeption". Übersetzt: Versteht der eine, was der andere will?

Wir versuchen, die richtigen Signale auszusenden, heißt es in Berlin. Bleibt zu hoffen, dass sie auch verstanden werden, nicht nur von Wladimir Putin, sondern auch von den eigenen Verbündeten.