Der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs kann sein Glück kaum fassen, als er ein letztes Mal vor der Präsidentschaftswahl eine Bühne im Arbeiterviertel von Wien betritt: Mehrere Hundert Menschen sind gekommen. Sie schwenken Österreichfahnen. Es gibt Bier für 2 Euro 50. Sogar der Himmel ist blau wie die FPÖ. Norbert Hofer presst seine Lippen aufeinander. Er blickt mit sehnsuchtsvollen Augen auf die Menschenmenge, die sich gegenseitig auf die Füße tritt, nur um ihn zu sehen. Solch präsidiale Mimik kennt man aus Endzeitfilmen, in denen amerikanische Präsidenten eine Rede stellvertretend für die ganze Welt halten. Der Kampf gegen die Aliens hat begonnen. Die Umstände wollen es so. Und Norbert Hofer hat dafür unendlich gelitten.

"Es war ein wirklich schwieriger Wahlkampf für mich", spricht er ins Mikrofon. "Wirklich schwierig. Weil …" Er macht eine bewusste Pause. "Weil natürlich. Wenn jemand kandidiert, von dem man erwartet, dass er nicht so ist wie alle andern … dass er dann besonders bekämpft wird." Norbert Hofer sagt, die Angriffe seien zum Teil sehr hart gewesen. Auch für ihn persönlich und seine Familie. Wüste Beschimpfungen, zerkratzte Wahlplakate, eine Scheibenwischergeste seines Kontrahenten Van der Bellen und dann auch noch eine Moderatorin des ORF, die ihm einfach nicht glauben wollte, dass er 2014 in Jerusalem nur zehn Meter neben einer mit Granaten und Maschinenpistolen bewaffneten Terroristin stand, die vor seinen Augen erschossen wurde.

Tatsächlich hat es diesen Vorfall in den dramatischen Ausschmückungen Hofers so nicht gegeben. Das scheint aber egal zu sein. Hofer gibt sich versöhnlich. Auch wenn er sich "über die Gesprächsführung gewundert" habe, sei er froh, dass Journalisten nicht wie in der Türkei einfach weggesperrt werden. Der ORF und eine ganze Zunft kann also dankbar sein, dass Norbert Hofer nicht Recep Tayyip Erdoğan heißt.

Wie er es trotz aller Gemeinheiten seiner Gegner und Kritiker so weit gebracht hat? Norbert Hofer hat eine Antwort. "Ihr habt mich durch eine Welle der Dankbarkeit und durch eine Welle der Hoffnung für Österreich gestärkt. Und mein Dank gilt euch." Das "euch" spricht Hofer dabei so lang gezogen salbungsvoll, dass es kurz ganz still wird auf dem Viktor-Adler-Platz. Dann branden Hofer-Rufe auf.

Wieder presst er die Lippen zusammen und nickt. Eine Frau mit einem vier Wochen alten Kind sei vorher zu ihm gekommen und habe ein Foto machen wollen. In solchen Momenten weiß Norbert Hofer, warum er Politiker geworden ist. Nämlich um für die Österreicherinnen und Österreicher da zu sein und für die nächste Generation.

Im Publikum, das in der noch immer prallen Sonne steht, greift sich ein Mann Mitte 40 an sein Herz. Kein Herzinfarkt, Norbert Hofer hat gerade darüber gesprochen, dass "unsere Eltern und Großeltern dieses Land unter unglaublichen Entbehrungen aufgebaut haben". Das sei bestimmt keine leichte Zeit gewesen. Der Mann mit der Hand am Herz nickt und ruft: "So isses."

"Immer wieder Österreich"

Umrahmt werden Hofers letzte Botschaften ans Volk von Bier und Gesang. Die John Otti Band ist die Hofkapelle des Hofburg-Anwärters. Ein Lied hat sie extra für ihn geschrieben, mindestens viermal spielen sie die FPÖ-Hymne Immer wieder Österreich. Das Lied handelt von Tränen voller Stolz auf die Heimat, derer man sich nicht zu schämen braucht. Wieder presst Norbert Hofer die Lippen zusammen. Nein, er weint jetzt nicht. Aber er lässt sich vom Sänger umarmen. Er trällert mit. Ein bisschen Musikantenstadl, ein bisschen Sakralraum, ein bisschen Burgenland mitten in Wien. Das ist die Heimat von Norbert Hofer.

Dass ein paar Jungs mit Londsdale-Bomberjacken herumstehen, stört nicht. Man kann sich seine Fans nicht aussuchen. Die meisten hier sind keine Nazis. Auch Norbert Hofer nicht. Um das noch einmal klarzumachen, spricht er auch zu den vielen Wählerinnen und Wählern mit Migrationshintergrund. Jene, die schon gekommen und dankbar seien, dass sie in Österreich aufgenommen wurden, die seien willkommen. Das seien nämlich auch Leute, die Österreich achten und lieben würden. Jene, die für den sogenannten Islamischen Staat in den Krieg zögen oder Frauen vergewaltigten, die könnten aber nicht bleiben.