In der Zielgerade streifen die Kontrahenten ihre Samthandschuhe ab. Am nächsten Sonntag wird in Österreich das Staatsoberhaupt neu gewählt und die beiden Kandidaten, Norbert Hofer, Hoffnungsträger der rechtspopulistischen FPÖ, und Alexander Van der Bellen, der ehemalige Chef der Grünen, der sich gerne als Unabhängiger positionieren möchte, wollen sich nun nichts mehr schenken. Sieben Tage vor der Entscheidung, die immer stärker als Schicksalsstunde der Republik dargestellt wird, riskierte der Privatsender ATV ein heikles Medienexperiment: In einem spartanischen Studio mussten sich beide Kontrahenten einem verbalen Schlagabtausch stellen. Keine Inszenierung, kein Moderator, keine Regeln, kein Publikum, nur 45 Minuten offenes Visier.

Kaum war das Duell in dieser demokratischen Isolierzelle angepfiffen, legten die beiden im Stil von Kampfhähnen los. "Ah, nachplappern können Sie auch", höhnte Hofer, worauf Van der Bellen zur Antwort abfällig mit seiner Hand vor der Stirn hin und her fuchtelte als wolle er sagen: "Wohl vollkommen verrückt geworden!"

Zwar kreiste die Diskussion um die gewohnten Themen – Amtsverständnis, Europapolitik, Flüchtlingskrise – doch der sachliche, sedierte Stil der vorangegangenen Konfrontationen war dahin. Der üblicherweise zurückhaltende Wirtschaftsprofessor Van der Bellen hielt seinem Gegenüber in scharfem Ton autoritäre Ambitionen vor. Hofer wolle Österreich aus der EU und dadurch in ein wirtschaftliches Desaster manövrieren, sagte er mit verächtlicher Miene.

"Schweinerei" und "Schickeria"

Der stramme Rechte Hofer konterte mit zugekniffenem Blick, der in Ehren ergraute Grüne sei lediglich ein trojanischer Kandidat, der sich nur seinen Unterstützern aus dem EU-Establishment verpflichtet fühle, während ihm selbst ausschließlich Österreich am Herzen läge. Die beiden warfen einander Aussagen fragwürdiger Unterstützer und Zitate aus der untersten Schublade an den Kopf. "Sie sind ein Kandidat der Schickeria", rotzte Hofer. "Das bezeichne ich als Schweinerei", flegelte Van der Bellen retour.

Die Ausgangslage hatte nahegelegt, dass mit einer der früheren Kuscheldiskussionen diesmal nicht zu rechnen sein werde. Den ersten Wahlgang vor drei Wochen hatte Hofer, der sein rechtes Gedankengut in einer verbindlichen Streichelsprache versteckte, überraschend deutlich mit 35 Prozent der Stimmen gewonnen. Der stets leicht verschlafen wirkende Van der Bellen lag 14 Prozentpunkte und über eine halbe Million Stimmen dahinter.

Unterlegene verbinden sich nicht gegen rechts

Vergeblich hoffte sein Team in den vergangenen drei Wochen, die unterlegenen vier Kandidaten würden sich nun hinter ihm in einer gemeinsamen Front gegen rechts versammeln. Weder die beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP, deren Anwärter auf das höchste Amt der Republik ein Desaster erlitten hatte, noch die bürgerliche Juristin Irmgard Griss, die mit einer unabhängigen Grassroots-Bewegung nur knapp den Einzug in die Stichwahl verfehlt hatte, waren dazu bereit. Die Grünen blieben mit ihrem Opama-Kandidaten auf sich allein gestellt – noch dazu in einer politisch aufgepeitschten Situation, in der eine Palastrevolte in der Regierungspartei SPÖ mit anschließendem Kanzlerwechsel die eher laue Auseinandersetzung um den Amtssitz Hofburg überlagerte.

Nur widerwillig schien sich der Bedächtnisträger Van der Bellen damit abzufinden, dass er seine Wohlfühl-Kampagne, in deren Heimatfilmstil viele Bilder aus der heilen Natur dominieren, nun würde nachschärfen müssen, wollte er noch versuchen, eine absehbare Niederlage zu vermeiden. Längst sind die Rechtspopulisten siegessicher. Im kleinen Kreis prophezeit der freiheitliche Wahlkampfleiter, der Sieg werde deutlicher ausfallen, als die meisten annehmen.

Willkommenskultur versus Massenabschiebungen

In dieser Situation nimmt der erwartete Lagerwahlkampf, den die Grünen um jeden Preis vermeiden wollten, doch noch Konturen an. Tatsächlich stehen einander in Österreich zwei große Gruppen gegenüber, die sich schon in der Flüchtlingskrise gebildet hatten: Die urbanen und weltoffenen Anhänger einer Willkommenskultur liegen im Clinch mit den verunsicherten und unterprivilegierten Protestbürgern, die abgeschottete Grenzen und Massenabschiebungen verlangen.

Die beiden Hofburg-Kandidaten tragen nun einen Stellvertreterkampf für ein zerrissenes Land aus. Um den Favoriten Hofer noch zu stoppen, errichtet der eher phlegmatische Van der Bellen nun die Drohkulisse eines freiheitlichen Autoritätsstaates, der in Österreich, wo die Freiheitlichen in allen Umfragen haushoch voran liegen, entstehen könnte: Der blaue Mann in der Hofburg, demnächst ein Blauer im Kanzleramt und blaue Minister in allen Schlüsselressorts, ein blauer Parlamentspräsident, alle Macht in den Händen der Burschenschaftler-Partei. Die Abzweigung der Wahlkampagne in die Geisterbahn ist allerdings eine riskante Strategie. Schon in der Vergangenheit konnte das blaue Gespenst nur regional beschränkt, vor allem im innerstädtischen Bereich, seine Schreckenswirkung entfalten. Erweist es sich in sieben Tagen als zerschlissene Vogelscheuche, könnte sich das grüne Horrorszenario schon sehr bald in eine selbsterfüllende Prophezeiung verwandeln.