Die Szene ging als Videoclip um die Welt. Die syrisch-irakischen Grenzsoldaten waren über alle Berge. Mit einem gelben Bulldozer schoben die Dschihadisten des "Islamischen Staates" mitten in der Wüste Kontrollposten und Sandbarrieren beiseite, bejubelt von ihren Waffenkameraden. "Wir zerschmettern Sykes-Picot", twitterten die bärtigen Extremisten. "Dies ist nicht die einzige Grenze, die wir niederreißen, andere werden folgen."

Die vor hundert Jahren von den damaligen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich geschaffenen Realitäten existieren für diese Gotteskrieger nicht mehr. An ihre Stelle wollen sie ein panislamisches Kalifat setzen, errichtet aus den Ostregionen Syriens und den Westregionen des Irak. "Unser Vormarsch wird nicht stoppen, bis wir den letzten Nagel in den Sarg der Sykes-Picot-Verschwörung geschlagen haben", polterte der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Bagdadi bei seinem bisher einzigen öffentlichen Auftritt im Juli 2014 in der Al-Nuri Moschee von Mossul.

Nicht nur für diese Radikalen, auch im kollektiven Bewusstsein der 300 Millionen Araber ist Sykes-Picot ein Verrat, der bis heute präsent ist. Das dubiose Geheimabkommen vom 16. Mai 1916 machte alle Hoffnungen auf Unabhängigkeit und einen eigenen Staat zunichte. Und es schuf die Ursachen für die endlosen Konflikte, die die Region bis heute plagen und mittlerweile an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht haben. "Ein Frieden, der jeden Frieden beendete", betitelte der US-Historiker David Fromkin sein Standardwerk über die Entstehung des modernen Nahen Ostens.

In der Region gebe es zwar ewige Staaten wie Ägypten und den Iran, die seit der Antike existierten, unerschütterlich in ihrer Existenz, schreibt Fromkin in seinem Nachwort von 2009. Andere wie die Türkei und Saudi-Arabien seien das Produkt starker Gründerväter wie Mustafa Kemal Atatürk und König Salman ibn Abdel Asis al-Saud. Mit dem Libanon, Syrien, Jordanien, dem Irak und Israel gebe es aber auch die "Kinder Englands und Frankreichs", alle problematisch in ihrer Herkunft, weil geboren aus dem Abkommen von Sykes und Picot.

Schnurgerade Linie auf der Landkarte

Damals, kurz vor Weihnachten 1915, eilte der junge britische Abgeordnete Mark Sykes in die Downing Street 10. Unter dem Arm hatte er eine Landkarte und ein dreiseitiges Manuskript. Vor dem Kriegskabinett seiner Majestät sollte der 36-Jährige seine Ideen darlegen, wie die europäischen Mächte England und Frankreich nach einer Niederlage des Osmanischen Reiches die arabische Welt unter sich aufteilen könnten.

"Ich würde eine Linie ziehen vom E von Acre bis zum letzten K von Kirkuk", plädierte der forsche Baron vor den versammelten Ministern. Diese zeigten sich beeindruckt und gaben grünes Licht. "Ich glaube, das war mein Tag", prahlte Sykes anschließend bebend vor Stolz, bevor er offiziell die Verhandlungen mit dem französischen Diplomaten François-Georges Picot aufnahm. Bereits Ende Februar 1916 waren sich die beiden Unterhändler einig. Und ihre Kabinette segneten die künftige Gestalt des Orients ab.

Willkürliche Grenzziehung am Reißbrett

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Aleppo, Syrien, Krieg
Der britische Politiker Mark Sykes und der französische Diplomat Francois-Georges Picot zogen mit dem Lineal die Grenzen der heutigen Staaten im Nahen und Mittleren Osten und schrieben sie in einem nach ihnen benannten Abkommen im Mai 1916 fest.
Aleppo, Syrien, Krieg
Heutige Grenzziehungen im Nahen und Mittleren Osten. Vielen Kritikern galt das von den Kolonialmächten konstruierte Staatensystem im arabischen Osten von Beginn an als künstlich.

Sykes' schnurgerade "Linie im Sand", wie sie der britische Historiker James Barr 2011 in seinem Buch über die Schicksalsjahre nach dem Ersten Weltkrieg nannte, teilte die Region in eine französische und eine britische Machtsphäre – ungeachtet der Wünsche der Bevölkerung, ungeachtet aller ethnischen und konfessionellen Grenzen, quer durch zahlreiche Stammesgebiete. Das riesige neue Kolonialgebiet aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches mit seinen 20 Millionen Menschen erstreckte sich von Beirut bis an den Persischen Golf, von Ostanatolien bis zum Sinai. "Selbst unter den Maßstäben der Zeit war es ein schamlos eigennütziger Pakt", urteilte James Barr über diesen imperialen Coup.

Frankreich bekam die östliche Mittelmeerküste von Mersin und Adana in der heutigen Türkei bis zur antiken Hafenstadt Tyros im Libanon. Hinzu kamen große Teile Ostanatoliens sowie die inländischen Städte Syriens, Aleppo, Homs, Hama und Damaskus plus die nordirakische Metropole Mossul. Die Briten erhielten die irakischen Provinzen Bagdad, Basra und das heutige Kuwait. Ihrer Einflusszone zugeschlagen wurden zudem die Gebiete von Kirkuk im Irak über das heutige Jordanien bis an die ägyptische Grenze des Sinai. Uneinig waren sich beide Seiten lediglich bei Palästina, auf dessen Gebiet auch das russische Zarenreich Anspruch erhob. Es sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden, bis sein endgültiges Schicksal entschieden sei.

Gebrochene Versprechen

Doch der geheime Komplott zwischen London und Paris, der erst 1917 über russische Zeitungen bekannt wurde, stand im Widerspruch zu älteren Zusagen, die die britische Führung im Juli 1915 König Hussein ibn Ali, dem letzten haschemitischen Herrscher über Mekka, und seinen drei Söhnen Ali, Faisal und Abdullah, gegeben hatte. Um den Potentaten auf der Arabischen Halbinsel zum Aufstand gegen die Osmanen zu bewegen, versprach ihm der britische Hochkommissar in Ägypten, Sir Henry McMahon, in einem geheimen Briefwechsel ein unabhängiges arabisches Großreich. Der Gesandte versuchte zwar, dessen Grenzen möglichst vage zu halten, sagte aber auch Gebiete zu, auf die Frankreich seit Jahren pochte.

Als Alliierte der Briten erfüllten die Araber ihren Teil der Abmachung. Im Juni 1916 begannen sie ihre Rebellion, die den Vormarsch der britischen Truppen vom Sinai über Jerusalem bis nach Damaskus sehr erleichterte. Militärisch beraten wurden die beduinischen Reiterhorden vom britischen Archäologen und Agenten Thomas Edward Lawrence, der später unter dem Namen Lawrence von Arabien berühmt wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg erschien Husseins Sohn Faisal dann im Januar 1919 auf der Friedenskonferenz von Versailles. Gemessen an den Zusagen McMahons waren seine Forderungen deutlich bescheidener. Die Delegation aus dem Orient verlangte ein unabhängiges arabisches Königreich in Großsyrien und dem Hedschas, was den Gebieten der heutigen Staaten Syrien, Libanon, Jordanien, Israel und Palästina sowie dem Westen des modernen Saudi-Arabiens mit Mekka und Medina entspricht. Zudem akzeptierte Faisal ausländische Vermittler, um den Konflikt zwischen Arabern und Zionisten in Palästina zu entschärfen. Die britischen Ansprüche auf Mesopotamien erkannte er an, weil er überzeugt war, dass diese Gebiete eines Tages ebenfalls dem künftigen arabischen Königreich zufallen würden.

Die Freundschaft Frankreichs

Dieser arabische Kompromissvorschlag drohte die Rivalen Großbritannien und Frankreich zu entzweien. London brauchte für eine Hegemonie in Mesopotamien die Zustimmung von Paris. Die Franzosen dagegen pochten auf ihr syrisches Mandatsgebiet. Am Ende stellte sich die britische Regierung in diesem Dreieckskonflikt an die Seite Frankreichs und ließ die Araber fallen. "Die Freundschaft Frankreichs", deklamierte der britische Premier David Lloyd George zu seinem französischen Kollegen Georges Clemenceau, "ist uns zehn Syrien wert."

Am 1. November 1919 zogen sich die Briten aus Syrien zurück und übergaben das Land den Franzosen. Im Gegenzug erklärte der syrische Generalkongress, dessen gewählte Delegierte aus allen Teilen des Landes stammten, am 8. März 1920 die Unabhängigkeit und proklamierte Faisal zum König. Die Franzosen antworteten mit eiserner Faust. Faisal flüchtete ins Exil nach Großbritannien, der Aufstand brach zusammen.

Ähnlich turbulent ging es auch im britischen Mandatsgebiet zu. Im Juni 1920 brach im Irak eine landesweite Rebellion aus, die London mithilfe eilig herangeführter indischer Truppen niederschlug. "In den letzten Tagen gab es Blutvergießen, Zerstörung von dicht bevölkerten Städten und Entweihung heiliger Orte, die die Menschheit weinen lässt", schrieb damals ein irakischer Journalist aus Nadschaf, der heiligen Stadt der Schiiten. Ende Oktober waren die Kämpfe vorbei. Auf britischer Seite gab es 2.200 Gefallene, auf der Seite der Aufständischen waren es 8.500.

Robuste Ordnung, robuste Konflikte

Der getäuschte König Hussein verfolgte vom Hedschas aus die Ereignisse in Syrien, im Irak und Palästina mit zunehmender Verbitterung. Er hütete die Kopien sämtlicher Briefe, die er mit Sir Henry McMahon gewechselt hatte, und warf den Briten vor, jedes einzelne ihrer Versprechen gebrochen zu haben. Im März 1921 rief Winston Churchill, damals frisch ernannter Minister für die Kolonien, eine geheime Runde in Kairo zusammen, um über die Zukunft der neuen britischen Mandatsgebiete im Nahen Osten zu beraten. Man kam überein, die Hussein-Söhne Faisal im Irak und Abdullah in Transjordanien als neue Herrscher von Londons Gnaden zu installieren – und damit wenigstens etwas von McMahons Zusagen aus der Kriegszeit zu erfüllen.

Die Konturen der neuen postosmanischen Ordnung vor hundert Jahren erwiesen sich als erstaunlich robust, genauso wie die Konflikte, die diese willkürliche Nachkriegsregelung geschaffen hat, urteilt Oxford-Historiker Eugene L. Rogan in seinem kürzlich erschienenen Buch über den Fall des Osmanischen Reiches. Keine Gruppe von Staaten hat in den zurückliegenden Jahrzehnten so viele Kriege, Bürgerkriege, Umstürze und Terroranschläge erlebt wie die orientalischen Geschöpfe Englands und Frankreichs. Sykes-Picot war der Beginn, auch wenn in der historischen Unglücksbilanz des Nahen Ostens heute vieles zusammenkommt: das Versagen der arabischen Eliten, die Rolle des politischen Islams und des Militärs, die Entdeckung des Erdöls, der Dauerkonflikt um die Gründung Israels sowie die fortwährenden Eingriffe Europas, der Vereinigten Staaten und Russlands.