Nach den verheerenden Luftangriffen auf ein Flüchtlingslager im Nordwesten Syriens mit vielen Toten haben die Vereinten Nationen Ermittlungen gefordert. Möglicherweise handele es sich bei diesem "obszönen Angriff" um ein Kriegsverbrechen, hieß es in einer Stellungnahme des UN-Nothilfekoordinators Stephen O'Brien. Nach Angaben von Aktivisten waren bei den Angriffen mindestens 28 Menschen getötet worden, darunter mindestens sieben Kinder. Außerdem seien Dutzende Menschen teils schwer verletzt worden. O'Brien sprach von mindestens 30 Toten und mehr als 80 Verletzten.

Wer für die Attacke in dem von Rebellen kontrollierten Gebiet nahe der türkischen Grenze verantwortlich ist, war zunächst unklar. Der Chef der in Aleppo ansässigen und den Rebellen nahestehenden Nachrichtenagentur Schahba, Mamun al-Chatib, machte die syrische Armee für die Angriffe verantwortlich. Zehntausende Flüchtlinge leben in Lagern im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei, davon befinden sich mehrere Flüchtlingscamps in Idlib.

Die Provinz Idlib ist eine Hochburg des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie wird von dem Al-Kaida-Ableger Al Nusra Front und verschiedenen verbündeten Rebellengruppen kontrolliert. Die in England ansässige oppositionsnahe Beobachtungsstelle stützt sich auf ein Netz von Informanten in Syrien, ihre Angaben und die der Nachrichtenagentur Schahba sind von unabhängiger Seite kaum überprüfbar.

Die Sicherheitsberaterin von US-Präsident Barack Obama, Susan Rice, äußerte sich schockiert und erklärte, für einen solchen Angriff auf Zivilisten gebe es keine Rechtfertigung. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sprach von einer schweren Verletzung humanitären Völkerrechts.

Tote bei Selbstmordanschlägen

Bei Bombenanschlägen in der von der Regierung beherrschten Stadt Muharram Fukani in Mittelsyrien wurden zudem mindestens zwölf Menschen getötet und mehr als 40 Menschen verletzt. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, zwei Selbstmordattentäter hätten sich mit einem Auto und einem Motorrad in die Luft gesprengt. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag. Die Stadt liegt unweit des syrischen Gebietes, das von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) beherrscht wird.

Östlich von Muharram Fukani hatte der IS zuvor nach drei Tagen heftiger Kämpfe das Gasfeld Al-Schair eingenommen. Die Terrormiliz hatte dieses Gebiet bereits im Sommer 2014 kurzfristig unter Kontrolle, wurde jedoch von Regierungstruppen wieder zurückgedrängt.

In Aleppo selbst habe es nur vereinzelte Verstöße gegen die Feuerpause gegeben, berichtete die Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die USA und Syriens enger Verbündeter Russland hatten sich auf die neue Waffenruhe geeinigt. In Aleppo hätten aber viele Anwohner aus Angst vor neuer Gewalt ihre Häuser nicht verlassen. 

Die USA teilten mit, dass die Waffenruhe in Aleppo in wenigen Stunden ablaufen könnte. Außenministeriumssprecher Mark Toner sagte, nach dem Verständnis der Vereinigten Staaten habe der 48-stündige Waffenstillstand am Mittwoch um 0:01 Uhr Damaszener Zeit begonnen. Demnach würde er um 0:01 Uhr am Freitag enden. Man bemühe sich um eine längerfristige Verlängerung der Einstellung der Feindseligkeiten, sagte er. Nach Angaben syrischer und russischer Beamter hat die Waffenruhe am Donnerstag begonnen, was bedeuten würde, dass sie am Samstag endet.

AFP/Getty
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