Am Ende dieser für die türkische Politik ereignisreichen Woche wird in Ankara die Regierungspartei AKP zusammenkommen, sie wird einen neuen Ministerpräsidenten wählen und damit einen Nachfolger für den bisherigen Ahmet Davutoğlu. Der Neue wird, so viel steht jetzt schon fest, ein enger Verbündeter von Präsident Erdoğan sein, von dieser Seite droht ihm also keine Gefahr.

Viel beunruhigender für Erdoğan ist ein Führungswechsel, auf den er kaum Einfluss hat. In der rechtsnationalistischen Oppositionspartei MHP tobt ein Machtkampf zwischen dem langjährigen Parteichef Devlet Bahçeli und eine internen Splittergruppe, die ihn stürzen will.

Die MHP schafft es, wie die andere große Oppositionspartei CHP und auch die HDP, selten in die internationalen Schlagzeilen zur Türkei. Diese werden dominiert von Erdoğan und seiner AKP. Dabei erreichten die Oppositionsparteien bei den vergangenen Parlamentswahlen im November 2015 48 Prozent der Stimmen. Jeder zweite Türke wählte sie. Warum scheinen sie dann so wenig Einfluss auf die Geschehnisse im Land zu haben?

Eine "echte Alternative zur AKP"

Gerade der Fall MHP zeigt, dass die Oppositionsparteien durchaus Macht haben. Denn um die Verfassung zu ändern und das von Erdoğan erwünschte Präsidialsystem durchzusetzen, braucht die AKP die Stimmen der MHP für die notwendige Mehrheit. Anhänger von Bahçeli, der nach schweren Wahlverlusten in der Kritik steht, scheinen bereit, die AKP dabei zu unterstützen. Doch die Dissidenten um Ex-Innenministerin Meral Akşener wehren sich konsequent gegen jeglichen Plan, der Erdoğan mehr Macht verspricht.

Auch wollen die Bahçeli-Gegner ihre konservativ-nationalen Wähler zurückgewinnen. Im November verlor die Partei die Hälfte ihrer 80 Sitze an die AKP und übersprang nur knapp die 10-Prozent-Hürde. Akşener sagt, sie könne die Stimmen wieder verdoppeln. "Sollte die MHP stärker werden, wird sie eine Alternative zur AKP," sagte Bahçeli-Gegner Ibrahim Dizdar. 

Wie sehr die türkische Regierung einen Machtwechsel an der MHP-Spitze fürchtet, wurde am Sonntag offensichtlich: Die Polizei hinderte Akşener und Hunderte von Parteirebellen daran, einen außerordentlichen Kongress in Ankara abzuhalten. Das Hotel, das als Tagungsort feststand, wurde von Wasserwerfern und Barrikaden umstellt — angeblich auf Befehl des Gouverneurs von Ankara.

Der Kongress mag vorerst gescheitert sein, doch die Fernsehbilder von 5.000 wütenden MHP-Parteianhängern dienten als Erinnerung, dass die Opposition noch immer ein Hindernis für Erdoğans Machtanspruch darstellt. 

Eine echte Alternative für die Türkei bietet die Opposition jedoch nicht. Dass die AKP seit 14 Jahren unangefochten regiert, liegt nicht nur an der hohen Sperrklausel (10 Prozent brauchen Parteien zum Einzug ins Parlament), unfairen Wahlkampagnen oder fragwürdigen Polizeieinsätzen. Die Parteien sind tief gespalten und meist ineffektiv. Bahçeli und Kemal Kılıçdaroğlu, der Vorsitzende der größten Oppositionspartei CHP, gelten als farblos; allein der Co-Vorsitzende der prokurdischen HDP, Selahattin Demirtaş, kann mit Erdoğans Charisma konkurrieren.