Wie sieht eigentlich ein Umsturz aus? Er kann in Gewalt ausarten, mit Panzern und Soldaten. Er kann sich aber auch schrittweise über mehrere Jahre hinziehen. In der Türkei hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan Letzteres gewählt, den Umsturz auf Raten. Mit jeder politischen Volte begräbt er die parlamentarische Demokratie der Türkei, die – von vier Putschen unterbrochen – über ein halbes Jahrhundert alt ist. In diesen Tagen aber beschleunigt Erdoğan die Gangart. Wie Paukenschläge folgen aufeinander die Entlassung des zu eigenständig handelnden Premiers Davutoğlu und die Auswahl des neuen hyperloyalen Nachfolgers Binali Yıldırım. Heute, am Freitag, steht die Abstimmung über die Aufhebung der Abgeordnetenimmunität an.

Alle Schritte gehen in eine Richtung: die Errichtung einer Ein-Mann-Herrschaft, des Erdoğan-Staates. Viele vergleichen die Türkei schon mit Russland, andere mit arabischen Tyranneien, dritte sprechen von einem zweiten Iran. Tatsächlich ähneln sich autoritäre Staaten in vielen Aspekten, doch viel spricht dafür, dass Erdoğan sich hier sein ganz persönliches System aufbaut – und gerade das ist die Gefahr für die Türkei.

Die Rede von dem zweiten Iran wird zwar oft wiederholt, vor allem von säkularen Türken, die um ihren Lebensstil fürchten. Doch ist sie irreführend. Die Umwälzung von Erdoğan zielt nicht in erster Linie auf den Lebensstil. Der Mann redet und handelt nicht wie ein gläubiger Islamist, dafür ist die Korruption in seiner Entourage zu weit vorangeschritten. Erdoğan spricht wie ein türkischer Konservativer mit einer gestrengen Magensaftmoral. Er dekretiert zwar drei Kinder pro Frau und keinen Kaiserschnitt dabei, aber von wahren islamistischen Anliegen – zum Beispiel einer Verfassung mit dem Islam als Hauptquelle der Gesetze – hat Erdoğan nie gesprochen. Als Hauptquelle der Gesetze sieht er jemand anderen: Erdoğan.

Damit kommen wir dem Kern der Sache näher. Es geht Erdoğan weniger um Religion – die ist ein Machtmittel – sondern vor allem um sich selbst. Alles deutet darauf hin, dass sich die Türkei zu einer Autokratie entwickelt, in der sich alles nur noch um den Herrscher dreht. Zwei türkische Traditionen stehen dahinter. Das Land ist seit der Gründung 1923 sehr zentralistisch organisiert, was Erdoğan ausnutzt. Zugleich gibt es einen Personenkult um den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Nun aber wächst im Land eine neue Heldenverehrung. Es werden Erdoğan-Schulen eröffnet und Erdoğan-Straßen geteert. Im Kunstunterricht entstehen Erdoğan-Teppiche und Erdoğan-Porzellanteller. Die Plakate mit seinem Konterfei im öffentlichen Raum sind so groß, dass es zum Reiterstandbild nicht mehr weit ist. Erdoğan wirkt immer mehr wie ein grün lackierter Kemal Atatürk.

Und da tritt der Unterschied zu Russland hervor. In Russland überstrahlt Präsident Putin auch alle anderen, er ist mit über 80 Prozent der Bevölkerung sogar weit populärer als Erdoğan, der nur die Hälfte der Türken hinter sich scharen kann. Aber Putin hat weniger Probleme mit starken Persönlichkeiten neben sich. Während Erdoğan die kleinen Erfolge von Ahmet Davutoğlu nicht ertragen konnte, kommt Putin mit einem populären Verteidigungsminister und einem langjährigen, weithin respektierten Außenminister gut zurecht. Putin hat seine Einheitspartei nicht von allen alten Gefährten gesäubert – wie Erdoğan es mit der Fraktion und Parteispitze getan hat.

In Russland haben die staatsgläubigen Eliten 1999 einen unbekannten, blassen Wladimir Putin zum Staatsführer erhoben und ihn im Lauf der Zeit zum Rockstar gestylt. Wenn Putin einmal geht, wird es zweifellos Erschütterungen geben. Aber ein Putsch? Außer der Oktoberrevolution sind die Putschversuche der neueren russischen Geschichte gescheitert. Die Eliten könnten aber das Modell Putin auch wiederholen, vielleicht mit seinem Verteidigungsminister Sergej Schoigu – oder mit jemandem, den wir noch gar nicht kennen.

In der Türkei sind solche Rochaden unwahrscheinlich. Der Präsident ist nach dem Abgang der ehemaligen AKP-Größen nur noch von nickenden Zwergen umgeben. Seine Herrschaft ist zu persönlich, sein Machtausbau zu absolut und korrupt, als dass ein normaler, demokratischer Wechsel zur politischen Opposition noch möglich wäre. Wenn Erdoğan einmal geht, wird sein System kollabieren. Der Umsturz kann dann gewaltsam sein. Auch dafür gibt es türkische Traditionen.