Gut und Böse gibt es nicht aus der Sicht eines humanitären Helfers. Selbst der sogenannte "Islamische Staat" (IS) ist da ein Verhandlungspartner. "Ich verstehe, dass Politiker bestimmte Gruppen als Terroristen bezeichnen", sagt Jan Egeland, Nothilfe-Experte der Vereinten Nationen und Generalsekretär des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC) auf dem Nothilfegipfel in Istanbul. "Aber als Philanthrop muss ich mit jedem reden können, um Menschen zu helfen."

Zu viele Menschen, die Hilfe bräuchten, würden derzeit nicht erreicht, sagt Egeland, der auch Berater des UN-Syriengesandten Staffan de Mistura ist. Zum Beispiel etwa 50.000 Personen in der vom IS besetzten irakischen Stadt Falludscha: Sie könnten bei der geplanten Offensive der irakischen Armee in die Schusslinie geraten, verletzt oder gar getötet werden. Keine einzige Organisation sei dort, um ihnen zu helfen. Deshalb müsse man auch mit der Terrormiliz verhandeln.

Es zählt zu den wichtigsten Grundsätzen der humanitären Hilfe: Notleidenden Menschen wird geholfen, egal welcher Nation, Religion, Kultur oder Kriegspartei sie angehören. Internationales Rotes Kreuz, NRC, Ärzte ohne Grenzen oder Diakonie Katastrophenhilfe – alle Organisationen der Katastrophenhilfe arbeiten nach diesem Prinzip.

Ist es aber nicht naiv, zu glauben, mit dem IS verhandeln zu können? Nein, widerspricht Egeland. Er verweist auf die jahrzehntelangen Erfahrungen des NRC mit anderen Terrororganisationen, etwa der Hamas im Gazastreifen, den Taliban in Afghanistan oder der Farc in Kolumbien: "Wir waren in der Lage, in diesen Regionen zu arbeiten." Das sei eben humanitäre Diplomatie: klarzumachen, dass die Organisationen nicht Partei im Konflikt seien, sondern der Bevölkerung helfen wollten. Zeit brauche das, und es sei im Fall des IS besonders schwer. Aber es könne funktionieren.

Den Helfern bleibt auch gar keine andere Wahl, als hartnäckige Diplomatie mit allen Konfliktparteien zu betreiben. Denn ob in Syrien, Somalia oder Sudan: Es gibt immer mehr Konflikte, in denen Gruppen wie der IS kämpfen. Asymmetrische Kriege, in denen sich die humanitären Organisationen zurechtfinden müssen. Viele Terror- und Rebellengruppen würden das Recht auf humanitäre Hilfe nicht kennen, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe (DKH). Umso mehr müsse man es gerade auch bei bewaffneten Gruppen wie dem IS einfordern.

Bomben auf Schulen und Krankenhäuser

Ziel des Nothilfegipfels in Istanbul sollte es eigentlich sein, die schwierige Arbeit von Egeland, Füllkrug-Weitzel, ihren und anderen Hilfsorganisationen zu unterstützen. Von einem "Weckruf" sprach zum Auftakt Vizegeneralsekretär Jan Eliasson. Nach Angaben der Vereinten Nationen erlebt die Welt derzeit die schlimmste humanitäre Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Weltweit bräuchten 125 Millionen Menschen Hilfe, 60 Millionen seien auf der Flucht. Oft reiche das Geld nicht aus, um Notleidende in Krisengebieten mit dem Nötigsten zu versorgen. Der Gipfel, auf dem sich rund 6.000 Vertreter von Staaten und internationalen Organisationen trafen, sollte das verbessern.  

Doch dann ging es in Istanbul erst einmal darum, die humanitären Prinzipien des Völkerrechts überhaupt wieder durchzusetzen. Bomben auf Schulen und Krankenhäuser in Syrien und Afghanistan, Angriffe auf Flüchtlingshelfer und Katastrophenhelfer weltweit: Dass jedem geholfen werden muss, unabhängig von Kultur, Religion oder seiner etwaigen Angehörigkeit zu einer Konfliktpartei – und dass die Helfer deshalb ungefährdet ihre Arbeit verrichten können müssen, dieser Grundsatz ist in Gefahr.

"So viele Angriffe auf Schulen, Ärzte, Helfer gab es seit den neunziger Jahren nicht mehr", sagt Egeland. Auch Kanzlerin Angela Merkel hatte am Montag zu Eröffnung des Gipfels dazu aufgerufen, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten. "Es ist eine Schande, dass überhaupt darüber gesprochen werden muss", sagte sie. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat ihre Teilnahme am Gipfel gleich ganz abgesagt, weil in der Vergangenheit ihre Krankenhäuser in Syrien und Afghanistan angegriffen worden waren.  

Karl Blanchet von der London School of Hygiene and Tropical Medicine fordert strafrechtliche Konsequenzen. "Die Verantwortlichen für solche Angriffe müssen angeklagt werden, etwa vor dem Internationalen Strafgerichtshof." Blanchet und seine Kollegen beschäftigen sich mit Fragen, wie man in Katastrophenfällen und Krisen am besten gesundheitlich helfen kann. "Krankenhäuser waren immer sichere Orte, in denen jeder das Recht auf sichere Behandlung hatte, egal woher er kam", sagt er. Das habe sich geändert. Unicef-Vizedirektor Justin Forsyth fordert öffentlichen Druck, damit solche Angriffe aufhören. "Der Sicherheitsrat muss handeln, damit es Konsequenzen gibt", sagt er.