Donald Trump wird republikanischer Präsidentschaftskandidat – das ist so gut wie sicher. Und auch wenn die meisten Wetten bislang dagegen stehen und man es sich kaum vorstellen kann oder vorstellen mag: Donald Trump, dieser erratische Egomane ohne jede politische Erfahrung, könnte am Ende sogar der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden. Völlig auszuschließen ist das jedenfalls nicht.

Drei Nachrichten der vergangenen Tage geben ihm weiteren Auftrieb und sollten Hillary Clinton das Fürchten lehren: Zum ersten Mal liegt Trump in den Meinungsumfragen vor seiner demokratischen Widersacherin. Lange Zeit schien das undenkbar.

Zweitens, in Kalifornien, wo die Demokraten in der nächsten Woche, am 7. Juni, ihre letzte Vorwahl abhalten, muss Clinton plötzlich damit rechnen, dass Bernie Sanders, ihr Konkurrent um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei, sie auf den letzten Metern einholt, wenn nicht sogar an ihr vorbeizieht.

Zwar kann ihr der Senator aus Vermont die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin nicht mehr streitig machen, Clinton wird auf dem Parteitag im Sommer die meisten Delegierten auf ihrer Seite haben. Aber allein wegen der symbolischen Kraft wäre eine Niederlage in Kalifornien verheerend und demütigend. Denn wie kein zweiter Bundesstaat verkörpert dieses bunte, vielschichtige, quicklebendige Kalifornien das moderne, junge Amerika. Eine Niederlage hier hieße: Nicht Clinton, sondern der fast 75-jährige, oft griesgrämig dreinschauende Sanders repräsentiert für Kaliforniens einflussreiche Demokraten die Zukunft.

Die dritte schlechte Nachricht für Clinton: Soeben hat der Generalinspekteur des US-Außenministeriums seine Untersuchungen abgeschlossen und offiziell zu Protokoll gegeben, dass Clinton in ihrer Zeit als Außenministerin gegen interne Vorschriften der Behörde verstoßen habe. Zwischen 2009 und 2013 hatte sie für ihre gesamte dienstliche Kommunikation eine private E-Mail-Adresse und einen privaten Server benutzt. Selbst als streng vertraulich klassifizierte Botschaften liefen darüber. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die E-Mail-Affäre noch ein gerichtliches Nachspiel hat.

Die Rüge des Generalinspekteurs spielt nicht nur Trump in die Hände. Sie nährt und vertieft leider einen in Amerika weitverbreiteten Argwohn gegenüber den Clintons. Schon seit Bill Clintons Präsidentschaft pflastern Skandale ihren Weg und setzt sich das politische Powerpaar gerne über die allgemein gültigen Regeln hinweg.

Viele Amerikaner haben die ewigen Affären, die Wahrheitsverdrehungen, Ausflüchte, Sonderrechte und halbgaren Erklärungen satt. Nicht, dass Donald Trump auch nur einen Deut besser wäre. Aber die Clintons und ihre Spielchen kennt man inzwischen in- und auswendig, sie haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben und immer mehr Amerikaner werden ihrer überdrüssig.

Ein Paradox: So fatal die Rüge des Generalinspekteurs für Clintons Wahlkampf auch ist, sie hat zugleich eine beruhigende Wirkung. Denn sie zeigt, dass Amerikas demokratische Institutionen funktionieren. Dass sie sich nicht irritieren oder gar einschüchtern lassen, dass sie keine Rücksicht auf Zeitpläne, auf politische Opportunitäten und Sensibilitäten nehmen, sondern stur nach Recht und Gesetz arbeiten.

Das nährt die Hoffnung, dass diese Institutionen, dass also Amerikas Verwaltung, der Kongress, die Justiz und auch die Medien als Vierte Gewalt so stark, so unabhängig und so selbstbewusst sind, dass sie selbst einen irrlichternden und unberechenbaren Präsidenten Donald Trump immer wieder in die Schranken weisen und in den Griff kriegen würden.

Schließlich haben sich diese Institutionen schon in anderen schweren Krisen bewährt. Zum Beispiel während des Watergate-Skandals in den 1970er Jahren, als der in kriminelle Machenschaften verstrickte Präsident Richard Nixon zum Rücktritt gezwungen wurde. Oder (wenn auch nur äußerst mühsam und mit großer Verzögerung) nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001, als erst das Oberste Gericht, der Supreme Court, der Regierung Grenzen zog und dann der Senat gegen den Willen des Weißen Hauses weite Teile des Untersuchungsberichts über die rechtswidrige Folterpraxis des Geheimdienstes CIA veröffentlichte.

Es ist dieses Mal eine sehr sonderbare Präsidentschaftswahl: Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte treten zwei Kandidaten mit den höchsten Negativwerten gegeneinander an. Weit über 50 Prozent haben eine schlechte Meinung von Hillary Clinton, Donald Trump schneidet noch schlechter ab, ihn mögen 60 Prozent der Amerikaner nicht.

Am 8. November, dem Wahltag, werden die meisten Wähler wohl danach entscheiden, wen der beiden weithin unbeliebten Bewerber für das höchste Amt im Staat sie am wenigsten unsympathisch finden und von wem sie das geringste Unheil befürchten.