Realpolitik in Zeiten des Kalten Krieges lief noch unter der schlichten Devise "Der Feind meines Feindes ist mein Freund". Wer gegen die Sowjetunion war, wurde zum Freund des Westens. Auch die US-chinesische Annäherung im Jahr 1972 hatte damit zu tun. Vietnam war seinerzeit auf der Seite der Sowjets. Die USA führten in Vietnam Krieg und hinterließen dort entsetzliches Leid. Heute hat Vietnam die Seiten gewechselt. Die USA verkaufen Hanoi jetzt Militärtechnik, denn die Vietnamesen haben Angst. Vor China.

Diese Angst ist nicht neu, es gibt sie seit Jahrhunderten. Das Kaiserreich im Norden war meist stark und ließ den kleinen Nachbarn Tribut zollen. Was die vietnamesische Regierung heute gruselt, ist Chinas Expansion ins Südchinesische Meer. Seit 2012 beansprucht Peking rund 80 Prozent dessen für sich. Das erzeugt Ärger und Ängste – und neue Kooperationen.

Territorialkonflikte im Südchinesischen Meer

Umstrittene Meereszonen

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Das umstrittene Seegebiet ist nicht irgendeines. Der Westpazifik ist eine der wichtigsten Routen des Welthandels, er ist voller essbarer Fische und verfügt wahrscheinlich über relevante Gas- und Ölvorkommen. Ressourcen, die für die bevölkerungsreichen und energiehungrigen Anrainer eminent wichtig sind. Eigentlich sollten sich alle darüber freuen, doch die Staaten kommen untereinander auf keinen grünen Zweig. Territorialansprüche stellen außer China auch die Philippinen, Vietnam, Brunei, Taiwan und Malaysia. Um die Fischgründe gibt es unter den Anrainern ein ständiges Gedrängel und Geschubse. Am meisten jedoch fühlen sich die Staaten vom inzwischen expansiven China bedrängt. 

Multilateralismus ist in den USA und China unbeliebt

Erstmals seit Endes des II. Weltkriegs stellt jetzt ein Land die Rolle der USA als Primus im Westpazifik infrage. Die Aufsteiger aus Peking wollen Chef im Ring werden. China forciert dafür den Ausbau von Sandbänken und Felsenriffen im Südchinesischen Meer zu kleinsten militärischen Außenposten, man beansprucht Inseln, Atolle und Seegebiete, die denkbar weit von der eigenen Küste entfernt liegen. Womit man in Peking zu Beginn der Expansion nicht gerechnet hatte, war die mehr oder weniger starke Hinwendung der bedrängten Staaten an die USA. Selbst Vietnam tut das. Möglicherweise traut man einem Land wie den USA trotz Irak- und Afghanistankrieg mehr als dem Polizeistaat China.

Der US-Regierung spielt diese Entwicklung erst mal in die Hände, denn die Amerikaner wollen ihre Präsenz in der Wachstumsregion noch stärker verankern. Doch China will, dass die USA aus dem Westpazifik verschwinden, und mit den umliegenden Staaten möchte man ausschließlich bilateral sprechen. Für die Verhandlung der Konflikte hilfreiche multilaterale Runden wie das Asean Regional Forum kommen für Peking nicht infrage – ganz so, wie man es in Washington meist handhabt.

Vergangenen Monat ist es Chinas Außenpolitikern vielmehr gelungen, einen diplomatischen Spaltpilz in der Asean-Gemeinschaft zu platzieren und den aus zehn südostasiatischen Staaten bestehenden Verbund zu schwächen. Allein vier Asean-Staaten streiten sich mit China um Territorien im Westpazifik. Mit Brunei, Kambodscha und Laos einigte sich Chinas Außenminister Wang Yi jetzt darauf, dass die Territorialkonflikte im Südchinesischen Meer kein Verhandlungsgegenstand zwischen Asean und China seien. Konflikte wären bilateral zu lösen.

Bereits 2012 hatte Peking Kambodscha als Asean-Gastgeber erfolgreich unter Druck gesetzt und so erstmals ein Asean-Kommuniqué verhindert – es ging um eine Erklärung zum Konflikt im Südchinesischen Meer. Manches ergibt sich für Peking inzwischen auch von selbst: Rodrigo Duterte, neuer Präsident der Philippinen, verlässt die harte Linie seiner Vorgänger in den Inselstreits seines Landes mit China und will jetzt direkt mit Peking verhandeln.