Zwar gehen mit dem Wegfall der Visapflicht Risiken für die EU einher, sie scheinen aber beherrschbar. So wird damit gerechnet, dass viele türkische Staatsbürger die neue Reisefreiheit nutzen werden, um dauerhaft im Schengenraum zu bleiben (nicht nur für die bis zu maximal 90 Tage in einem Zeitraum von 180 Tagen, für die die visafreie Einreise gelten würde). Ein Anstieg der illegalen Einwanderung und der Schwarzarbeit wäre die Folge. Bisher ist es schwierig zu erfassen, ob jemand nach Ablauf des Visums wieder ausreist, da Ein- und Ausreise nicht zentral gespeichert werden. Reist etwa jemand nach Griechenland ein und dann nach Deutschland weiter, haben die deutschen Behörden davon keine Kenntnis. Jedoch: Die EU bereitet derzeit die Einführung eines EU-weiten Ein- und Ausreisesystems vor, das einen Datenabgleich zwischen allen EU-Staaten erlaubt und automatisch darüber informiert, wenn Personen aus Drittstaaten länger in der EU bleiben, als es ihr Visum zulässt.

Wer keine triftigen Gründe für die Überschreitung der zulässigen Aufenthaltsdauer anführen kann, könnte mit Geldstrafen und Einreiseverboten belegt werden. Insbesondere für türkische Staatsangehörige, die riskieren würden, Familienangehörige für eine längere Zeit nicht mehr besuchen zu dürfen, dürfte das abschreckend wirken.

Dazu kommt: Das Problem der Überschreitung der zulässigen Aufenthaltsdauer für Personen aus Drittstaaten entsteht nicht erst durch den Wegfall der Visapflicht, es besteht jetzt schon. Zwar mag die persönliche Vorsprache im Konsulat eine gewisse Filterfunktion haben, doch wer vorhat, nach Ablauf des Visums nicht wieder auszureisen, der wird das zu verschleiern wissen. Auch wenn die Datenlage dürftig ist: Unter Experten ist es unstrittig, dass es sich bei denjenigen, die sich illegal in der EU aufhalten, oft um Personen handelt, die ursprünglich mit einem Visum in die EU eingereist sind.

Eine andere Befürchtung, die mit dem Wegfall der Visapflicht einhergeht, ist ein Anstieg der Asylanträge von Kurden aus dem Südosten des Landes. Sie könnten einfacher als bisher als Touristen einreisen und dann einen Asylantrag stellen. Angesichts der eskalierenden Gewalt im Kurdenkonflikt stehen die Chancen auf Anerkennung nicht schlecht. Sollte es tatsächlich zu einem deutlichen Anstieg von begründeten Asylanträgen türkischer Staatbürger kommen, hätte die EU auf der einen Seite die Verpflichtung Asyl zu gewähren, könnte der Türkei auf der anderen Seite aber auch mit der Wiedereinführung der Visapflicht drohen, sollten sich die Zustände im Land nicht verbessern.

Mit der Visapolitik könnte die EU damit stärkeren Einfluss auf die Entwicklungen in der Türkei im Bereich der Menschenrechte nehmen, als dies derzeit im Zuge des Beitrittsprozesses oder auf diplomatischem Wege möglich ist. Die Vorteile der Reisefreiheit überwiegen daher eindeutig.