Am Ende stand Werner Faymann ganz allein da. Nur sehr wenige wussten Bescheid über den Entschluss des österreichischen Bundeskanzlers und SPÖ-Chefs: Er tritt von allen Funktionen zurück. "Dieses Land braucht einen Kanzler, wo die Partei voll hinter ihm steht", sagte er: "Die Regierung braucht einen Neustart mit Kraft. Wer diesen Rückhalt nicht hat, kann diese Aufgabe nicht leisten". Ein Paukenschlag, lange erwartet und doch überraschend – und letzten Endes konsequent.

Zu groß ist die Malaise, die sich in den vergangenen Jahren in seiner Partei aufgestaut hat. Der Schwenk in der Flüchtlingspolitik, von "Balken auf für die Menschlichkeit", das gab er im September 2015 als Devise für die Offenhaltung der Grenzen zu Ungarn aus, bis hin zu Obergrenze und Grenzzaun in nur wenigen Monaten, hat ihm viel Kritik eingebracht.

Nicht nur die sowieso ständig empörte Parteijugend und der linke Flügel polterten immer lauter gegen den Spitzengenossen. Er wurde öffentlich gedemütigt, immer wieder angezählt, am Ende bunkerte er sich ein. Stimmen von außen prallten am Wiener Kanzleramt ab. 

Erste Reihe fußfrei saßen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und die Seinen. Sie sahen belustigt zu, wie sich die Sozialdemokratie selbst zerfledderte und die Rechtspopulisten zulegten. In der ersten Runde der Bundespräsidentenwahlen fuhren sie unlängst ein Rekordergebnis ein.

Am 1. Mai am Wiener Rathausplatz entlud sich die Stimmung gegen Faymann endgültig: Der Parteichef wurde ausgebuht und niedergebrüllt. "Verräter" war noch eines der harmloseren Wörter, das ihm entgegengedonnert wurde.

Die Risse gingen mitten durch die Partei. Selbst in der eigenen Fraktion war der Kanzler isoliert. Mit dem Klubobmann sprach er seit zwei Monaten nicht mehr.

Annäherung an die FPÖ

Ideen für eine Neuausrichtung der Sozialdemokratie gab es unter Faymann keine. Stattdessen war die Taktik eine Annäherung an die Positionen der Freiheitlichen. Die SPÖ stimmte jeder Verschärfung des Asylrechts zu. Die erste Ansage des neuen roten Verteidigungsministers war, Militärmaschinen für die Abschiebungen von abgewiesenen Asylwerbern zur Verfügung zu stellen. Und im Burgenland kam es vergangenes Jahr gar zu einer Koalition der SPÖ mit der FPÖ. Damit war ein Tabu gebrochen, das seit dem Aufstieg Jörg Haiders in den 1980er Jahren gegolten hatte.

Was in den vergangenen Tagen passiert ist, weiß (noch) keiner. Am Freitag gab es ein nicht sehr geheimes Treffen zwischen dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl und dem burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl – die zwei de facto mächtigsten Granden der Partei. Alles sah danach aus, dass Faymann bleiben würde. Doch letztlich wurde der Druck offenbar zu hoch. Es kursiert auch die Angst, Norbert Hofer könnte, wenn der FPÖ-Kandidat am 22. Mai zum Bundespräsident gewählt werden sollte, nicht ohne Weiteres einen neuen sozialdemokratischen Kanzler vereidigen. Daher müsse der Wechsel noch rasch vorher erfolgen.

Der Machtkampf und der Richtungsstreit in der SPÖ sind mit dem Rücktritt Werner Faymanns noch lange nicht vorüber. Sie haben gerade erst begonnen.