Die FPÖ sieht sich als mitverantwortlich für den Rücktritt des österreichischen Bundeskanzlers Werner Faymann (SPÖ). Die rechtspopulistische Partei hält die Entscheidung für eine Reaktion auf den Erfolg ihres Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. Dieser hatte die erste Runde der Präsidentschaftswahl mit 35,1 Prozent gewonnen und geht als Favorit in die Stichwahl. Ein wesentliches Motiv für seine Wähler war der Protest gegen die Arbeit der rot-schwarzen Koalition. "Hofer hat bereits gewirkt, ohne dass er Bundespräsident ist", sagte ein FPÖ-Sprecher nach Faymanns Rücktritt.

Innerhalb der SPÖ entbrannte eine Diskussion über den Umgang mit der FPÖ. Faymann stand für eine strikte Abgrenzung zu den Rechtspopulisten auf Bundesebene. Für diesen Kurs war er zuletzt auch von Gewerkschaftern kritisiert worden. 

Einen Nachfolger für das Kanzleramt wollen die Sozialdemokraten in der kommenden Woche präsentieren. Am 17. Mai werde der Parteivorstand dazu einen Vorschlag machen, sagte Interimsparteichef Michael Häupl. Als mögliche Kandidaten werden der Bahn-Manager Christian Kern, der Medien-Manager Gerhard Zeiler sowie die ehemalige Siemens-Managerin Brigitte Ederer genannt. 

Die Entscheidung soll schnell getroffen werden. Der Gedanke an Neuwahlen sei ein "schwerer Fehler", sagte der SPÖ-Fraktionsvorsitzende Andreas Schieder. Die Wähler wollten eine handlungsfähige Regierung. "Gerade ein personeller Neuanfang gibt auch die Chance, dass man bei Arbeitsthemen durchstartet." Die SPÖ habe die Qual der Wahl: Alle in den Medien genannten Anwärter auf das Amt seien sehr fähig, sagte Schieder.

Es geht nicht um Neuwahlen

Zuvor hatte Häupl eine Neuwahl nicht ausgeschlossen, auch wenn sich außer der FPÖ bisher noch keine Partei dafür ausgesprochen habe. Interimskanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) lehnte ähnlich wie Häupl eine Debatte über eine Neuwahl zunächst ab. "Es geht jetzt nicht darum, dass wir Neuwahlen ansetzen", es gehe um Stabilität, sagte Mitterlehner. Die ÖVP werde bei einer Sitzung des Parteivorstands am Dienstag über die Konsequenzen beraten. Regulärer Termin der nächsten Nationalratswahlen wäre 2018.   

Die rot-schwarze Koalition, die seit 2013 regiert, steht seit Langem unter Druck. Die Umfragewerte für die SPÖ und die mitregierende ÖVP sinken seit Monaten. Zuletzt wiesen Umfragen die FPÖ deutlich als stärkste Partei aus. Deren Parteichef Heinz-Christian Strache sagte, es sei eher gleichgültig, wer als Kanzler und SPÖ-Chef folge. "Eine Neudekoration der Auslage ändert nichts am mangelhaften Sortiment."

Der deutsche CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz deutete den Rücktritt des österreichischen Bundeskanzlers als ein Warnsignal für Deutschland. Die Regierungskrise in Wien zeige, dass große Koalitionen auf längere Sicht schädlich für die Koalitionsparteien seien, sagte Polenz der Frankfurter Rundschau. Unter den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen in Deutschland seien sie aber kaum zu vermeiden, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses.