Sicherheitskräfte in Äthiopien haben laut einem Bericht seit November 2015 mehr als 400 Menschen bei Protesten getötet. Nach Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) haben Sicherheitskräfte außerdem Zehntausende Menschen verhaftet. Die Menschen starben bei Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit einem Ausbauplan für die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba. Die Demonstranten fürchten, dass durch die Erweiterung zahlreiche Bauern in der Region Oromia ihr Land verlieren könnten. HRW beklagt eine "brutale Unterdrückung" von Demonstranten.

"Äthiopische Sicherheitskräfte feuerten auf Hunderte Studenten, Bauern und andere friedliche Demonstranten und töteten sie mit unverhohlener Missachtung für menschliches Leben", sagte die stellvertretende HRW-Afrikadirektorin Leslie Lefkow. Einige der Festgenommenen sagten HRW nach ihrer Freilassung, sie seien "gefoltert und misshandelt" worden. Frauen berichteten von Vergewaltigungen in der Haft. Lefkow forderte die äthiopische Regierung auf, die Vorfälle zu untersuchen und die Sicherheitskräfte zur Verantwortung zu ziehen.

Die Region Oromia, die Addis Abeba einschließt, ist mit einer Bevölkerung von etwa 30 Millionen Menschen die größte der neun Bundesländer Äthiopiens. Oromia hat seine eigene Sprache, Oromo, während die Amtssprache Amharisch ist. Die Volksgruppe der Oromo fühlt sich gegenüber den anderen großen ethnischen Gruppen der Tigray und Amharen von der Regierung diskriminiert. Der Ausbauplan für die Hauptstadt wurde im Januar auf Eis gelegt. Regierungschef Hailemariam Desalegn entschuldigte sich im März vor dem Parlament in Addis Abeba, dass die "Klagen des Volkes nicht hinreichend erhört" wurden.

Der Bericht der Menschenrechtsorganisation bezieht sich auf Augenzeugenberichte von Demonstranten, unbeteiligten Zuschauern und Missbrauchsopfern und beruht auf Gesprächen mit 125 Betroffenen. Die Regierung weist die Zahl der Todesopfer entschieden zurück. Sie spricht ihrerseits von 173 Toten, darunter 28 Mitglieder der Sicherheitskräfte. Auseinandersetzungen mit einer ähnlich hohen Zahl von Toten gab es in Äthiopien zuletzt nach den Wahlen von 2005. Damals war von rund 200 Toten die Rede.