Es gibt Politiker, die Menschen bezaubern. Es gibt andere, die überzeugend reden. Wieder andere, die Wahlen gewinnen. Und es gibt Boris Johnson, der alles in sich vereint. Schon lange, bevor er zum Anführer der Brexit-Bewegung aufstieg, hatte er erreicht, was eigentlich Topmodels, Popsängern und Fußballern vorbehalten ist: Man nennt ihn beim Vornamen. 

Boris also. Er steigt unter "B-O-H-O-R-I-S"-Chören auf eine kleine Bühne in Ostlondon. An die 600 Brexit-Anhänger umringen ihn. Lilafarbenes Licht fällt auf sein berühmtes platinblondes Haar. Man könnte meinen: ein Techno-Club, doch dies ist eine politische Veranstaltung in einer Fabrik für Lachs (in Schottland gefangen, weltweit verkauft). Ein Beispiel für das, was Großbritannien in den Augen der Anwesenden so großartig macht: Eigenständigkeit. Internationalität. Fisch.

"Es ist fantastisch, hier zu sein ... in diesem Tempel für, ähhh, ... Lachs!", ruft Johnson. Gelächter. Die Leute lieben ihn für seinen Humor. Mit seiner rundlichen Figur, dem ausgebeulten Jackett und den verwuschelten Haaren sieht der 51-Jährige irgendwie lustig aus. Menschlicher als all die Anzugträger von Westminster. 

Als Boris allerdings auf die Gefahren Europas zu sprechen kommt, verdüstert sich seine Miene: "Was wird aus unserem wundervollen Land, wenn wir in der EU ausharren und die Einwanderung weiter so hoch bleibt? Was wird aus unseren Schulen? Aus unseren Krankenhäusern?" Das Referendum am 23. Juni sei nicht nur für Großbritannien wichtig, ruft er, "sondern auch für Hunderte Millionen Menschen in anderen europäischen Ländern, die uns zugucken und genauso denken wie wir!" Er schwingt die Faust. Applaus brandet auf. Eine Frau schwenkt einen Union Jack. 

So müssen sich Revolutionen anfühlen. Revolutionen, die Europa zerschlagen wollen. Wird Johnson am morgigen Donnerstag sein Ziel erreichen? Wird die Mehrheit der Briten für den EU-Austritt stimmen? Die Umfragen, die sein Lager vergangene Woche vorne sahen, haben sich nach dem tödlichen Attentat auf die proeuropäische Labour-Abgeordnete Jo Cox in die andere Richtung gedreht. Remain liegt jetzt knapp vor Leave. Aber was will das in diesem unberechenbaren Wahlkampf schon heißen?

"Boris gibt den Leuten so ein gutes Gefühl", schwärmt eine konservative Lokalpolitikerin, die schon mit ihrer Sitznachbarin diskutiert, wer Cameron nach einem Brexit als Premierminister ersetzen soll. Johnson ist der Favorit, aber es könnte auch anders kommen – die Konservativen waren in der Vergangenheit oft unberechenbar. Vielleicht Priti Patel, die sich als Frontfrau der Kampagne präsentiert? Die Lokalpolitikerin seufzt. "Ist die nicht auch muslimisch? Wir haben doch schon einen Muslim als Bürgermeister. Das wäre mir zu viel!" Priti Patel ist die Tochter indischer Einwanderer und Hindu. 

Man könnte meinen, die Buchstaben EU sind in diesem Referendum nur eine Chiffre für eine ganz andere Frage: Zuwanderung – ja oder nein?

Großbritannien - Viele Briten enttäuscht über TV-Debatte in London Im Wembley-Stadion hatten Gegner und Befürworter des britischen Austritts aus der Europäischen Union eine letzte Chance, Unentschlossene zu überzeugen. Danach zeigten sich viele Briten enttäuscht von Umgangston und Rhetorik der Debatte.

Vielleicht sind die Buchstaben EU bloß Johnsons Chiffre für Macht

Die AfD und die FPÖ machen gegen Flüchtlinge Wahlkampf, Marine Le Pen und Donald Trump hetzen gegen Muslime, und jetzt wird auch in Großbritannien danach gefragt, wer ins Land gehört und wer nicht. In einer Zeit, in der Klasse und Kirche kaum noch das Selbstverständnis der Menschen prägen, wird die Nation zur stärksten Identitätsstifterin. Johnson ist nicht so rassistisch wie Le Pen, nicht so hassdurchtränkt wie Trump – er ist in New York geboren und in Brüssel zur Schule gegangen. Doch er tut ein wenig nationalistisch, um Anhänger zu gewinnen. All die Menschen, die etwas gegen Fremde haben, aber sagen, die EU sei so undemokratisch.

Der tragische Tod von Jo Cox am vergangenen Donnerstag fiel in diese aufgeheizte Debatte hinein. Der Täter, ein psychisch kranker Gärtner mit Verbindungen zur Neonaziszene, stellte sich im Gericht so vor: "Mein Name ist 'Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien'." 

Für die Proeuropäer wäre der Brexit ein Sieg der Rassisten, Nationalisten und Kleinbürger über Weltoffenheit und Vernunft. In Westlondon lässt sich Sonia Purnell in ihren Wohnzimmersessel sinken: "Ein fürchterlicher Gedanke, dass wir austreten könnten!" Auf dem Kaffeetisch liegt ihr Buch Just Boris. Eine Biografie, die sich liest wie ein Roman. 

Der Aufstieg des Alexander Boris de Pfeffel Johnson lässt sich so erzählen: Nomadenkindheit mit Dandy-Vater, leidender Mutter, drei Geschwistern. Reiche Freunde in Eton und Oxford, früh aufkeimende Rivalität mit dem Mitschüler David Cameron. Liebe zur lateinischen Sprache und zu schönen Damen aus vornehmen Familien. Zwei Ehen, zwei (bekannt gewordene) Affären. Journalist. Euroskeptiker und dennoch Korrespondent in Brüssel. Chefredakteur des konservativen Spectator, gleichzeitig Abgeordneter für die Tories. Schlagfertige Auftritte in beliebten Satiresendungen. Kult-Bürgermeister von London. 

Johnson hat vollbracht, was kein anderer Politiker schaffte: Seine Wirkung ist parteiübergreifend. Er spricht sowohl linke als auch rechte Wähler an. Trotz vornehmer Herkunft wirkt er wie ein Rebell. Selbst rechtspopulistische Entgleisungen – der Vergleich zwischen Hitler und der EU, der Hinweis auf Obamas "halb kenianische Vorfahren" – wirken aus seinem Munde weit weniger hässlich, als wenn sie aus dem seines Mitstreiters Nigel Farage gekommen wären. Was ist Johnsons Geheimnis?