Der britische Premierminister David Cameron hat im Falle eines Brexit vor möglichen Rentenkürzungen gewarnt. Ein Austritt könnte bis 2020 ein "Loch von 40 Milliarden Pfund" (derzeit 51 Mrd. Euro) in die Staatskasse reißen, sagte er der Sonntagszeitung Observer. Unter diesen Umständen sei fraglich, ob es weiterhin garantierte Rentenerhöhungen und Zuschüsse für das Gesundheitswesen (NHS) geben könne. "Das ist die bittere Realität eines EU-Austritts."

Der konservative Premier appellierte zudem an seine Landsleute, sich das historische Gewicht ihrer Entscheidung bewusst zu machen und was sie für ihren Alltag bedeuten wird. Auch auf kostenlose Bustickets für Rentner und deren Befreiung von TV-Gebühren sowie auf Verteidigungsausgaben müsse dann womöglich verzichtet werden. In der BBC betonte Cameron außerdem, ein Ja-Votum werde dem Land mehr Gewicht in Brüssel bringen: Nach dem beispiellosen Referendum führe kein Weg mehr an britischen Wünschen vorbei.

Der Brexit-Wortführer Nigel Farage sieht Europa dagegen nach dem Votum am 23. Juni am Ende. "Die EU steht vor dem Kollaps", sagte der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip der italienischen Zeitung Corriere della Sera. "Nach uns werden andere nördliche Länder austreten, eins nach dem anderen. Dänemark zuerst, dann die Niederlande, Schweden, Österreich." Auch die Südstaaten wie Italien, Griechenland oder Spanien würden laut Farage von einem Brexit profitieren, da der Euro ihre Wirtschaft "zerstöre" und "eine Waffe für die deutsche Vorherrschaft" sei.

Die Bürger stimmen am 23. Juni über einen Verbleib in der 28-Staaten-Gemeinschaft ab. Jüngste Umfragen zeigen die Spaltung der Bevölkerung und die Schwierigkeit, genaue Prognosen zu liefern.

So sieht eine Umfrage im Auftrag der Zeitung Observer das europafreundliche Lager mit 44 Prozent noch leicht vor den Austrittsbefürwortern mit 42 Prozent. 13 Prozent der Befragten seien weiterhin unentschlossen. Eine Umfrage von YouGov für The Sunday Times sah dagegen das Brexit-Lager mit 43 Prozent vor den Befürwortern einer EU-Zukunft mit 42 Prozent. Auch dem Independent zufolge deuten die Umfragen im Zeitablauf auf eine Tendenz zur Stärkung des EU-kritischen Lagers. Noch im April hätten nur 51 Prozent für einen Austritt und 49 Prozent für einen Verbleib plädiert. Vor einem Jahr habe das Lager der EU-Befürworter sogar noch um zehn Prozentpunkte vorn gelegen.

Experten warnen allerdings vor einer Überbewertung derartiger Online-Erhebungen. Sie erwarten seit Monaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Bei der Parlamentswahl vor einem Jahr hatten die Demoskopen schwer daneben gelegen.