Verstärkt würde das noch, wenn sich andere Länder den Briten tatsächlich anschlössen. Je nach Sichtweise würde die EU dadurch auf einen harten Kern zurechtschrumpfen – oder eine lang andauernde Agonie würde einsetzen, an deren Ende tatsächlich ein Scheitern der EU stehen könnte. Zumindest in bisheriger Form.

Ohnehin würde ein Brexit die EU vor eine gewaltige Aufgabe stellen. Denn ein Austritt ist zwar in Artikel 50 des europäischen Vertrags vorgesehen. Aber es gab ihn, abgesehen von Grönland, noch nie. Es gibt keine Blaupause dafür und keine Erfahrungen damit. Klar ist nur, dass es etliche Jahre schwieriger Verhandlungen bedürfen wird, um all die rechtlichen Bindungen, die in mehr als 40 Jahren britischer Zugehörigkeit zur EU entstanden sind, zu lösen, und durch andere zu ersetzen.

Völlig unklar ist, welche Rolle Großbritannien künftig zur EU einnehmen würde. Würde es, wie Norwegen und die Schweiz, dem Binnenmarkt (weiter) angehören? Dann müsste es auch in die EU-Kasse einzahlen und fast alle rechtlichen Bestimmungen der EU einhalten, einschließlich der verhassten Arbeitnehmerfreizügigkeit. Die Briten hätten dann so gut wie nichts gewonnen, sondern nur mehr Souveränität verloren, weil sie nicht mehr mitreden könnten. Oder würde London sich entscheiden, völlig unabhängig zu bleiben? Dann müsste es Zölle zahlen wie in früheren Zeiten, jahrelange mühsame Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen ähnlich wie TTIP mit den USA wären zu führen, mit allen damit verbundenen Problemen.

"Selbst wenn es gut ausgeht, stecken wir in Schwierigkeiten"

In Brüssel möchte darüber kaum jemand offen reden, aus Angst, die britischen EU-Gegner mit einer falschen Bemerkung noch zu stärken. Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, gehört zu den Pessimisten. Parteifreundinnen aus England, die sich in der Anti-Brexit-Kampagne engagieren, haben ihr von der schlechten Stimmung dort berichtet. "Selbst wenn es knapp gut ausgeht, stecken wir in riesigen Schwierigkeiten. Die Tendenz, sich von der europäischen Integration abzuwenden, nimmt zu", sagt sie. Harms verweist auf das niederländische Referendum gegen das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine, das sich gegen Brüssel richtete, auf die nur knapp verhinderte Wahl des Rechtspopulisten Nobert Hofer in Österreich und den Aufstieg von Marine Le Pen in Frankreich, ebenso wie auf den der Rechtspopulisten in anderen Ländern einschließlich der AfD in Deutschland.

Die Zeit einer ungestörten Entwicklung der europäischen Idee durch die Eliten sei unwiderruflich vorbei, sagt Harms selbstkritisch. "Alles wird vom Volk demokratisch überprüft."

Eine im Mai veröffentliche Umfrage des britischen Ipsos-Instituts ergab, dass die Briten nicht alleine dastehen. Laut der Umfrage würden bei einem Europareferendum in Italien 48 Prozent der Bürger für einen Austritt stimmen, in Frankreich 41 und in Schweden 39 Prozent. Selbst im europäischen Musterland Deutschland wären 34 Prozent für einen Abschied von der EU. Erschreckende Werte. Bemerkenswert dagegen, dass der Austrittswunsch in den osteuropäischen Ländern Ungarn und Polen, die vielen in Brüssel wegen ihrer rechtskonservativen Regierungen als Wackelkandidaten gelten, mit 29 und 22 Prozent vergleichsweise gering ist.

Optimisten meinen deshalb, dass, selbst wenn Großbritannien geht, kein anderes Land folgen wird, vielleicht abgesehen von Dänemark, das 1973 gemeinsam mit den Briten der EU beigetreten war. "Großbritannien ist ein Sonderfall", sagt Alexander Graf Lambsdorff, FDP-Europaabgeordneter und Vizepräsident des Brüsseler Parlaments. Nur dort gebe es eine von Teilen der Elite und Bevölkerung gemeinsam getragene antieuropäische Haltung, nur die Briten können es sich als fünftgrößte Industrienation der Welt mit ihrem Weltfinanzzentrum, der Londoner City und historisch gewachsenen Handelsverbindungen sowie als Atommacht mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat leisten, allein zu stehen.