Am Donnerstag nächster Woche werden die Briten über die Europäische Union abstimmen: Drinbleiben oder rausgehen? Lange Zeit hielten sich die beiden Lager die Waage. Jetzt ergaben Umfragen zum ersten Mal, dass die leavers, die Rausgeher, eine schmale Mehrheit haben. Da ein Brexit schwerwiegende wirtschaftliche und politische Folgen sowohl für Großbritannien wie auch für die Europäische Union haben würde, mag sich die Stimmung noch einmal ändern, aber ein Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU ist möglich.

Europaskeptiker und ausgesprochene Europagegner gibt es auch anderwärts. Dies hat die jüngste Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts PEW ergeben.

Danach haben in zehn EU-Mitgliedsstaaten nur 51 Prozent der Befragten eine positive Meinung von der Brüsseler Gemeinschaft. In Deutschland sind es genau 50 Prozent, in Spanien 47, in England 44, in Frankreich 38 und in Griechenland lediglich 27 Prozent.

Überall kam allerdings zum Ausdruck, dass die jüngere Generation – zwischen 18 und 34 Jahren – eine weit positivere Einschätzung der EU hat. Es sind die Älteren, die zweifeln oder zetern.

Die Kluft zwischen den Generationen zeigt sich in Frankreich am ausgeprägtesten, dort sind 56 Prozent der Jungen für die EU, aber nur 31 Prozent der Älteren.

In Deutschland sehen 60 Prozent der 18- bis 34-Jährigen die EU positiv. Bei den 35- bis 49-Jährigen sind es 52 Prozent und nur 46 Prozent bei den über 50-Jährigen.

Die Zweifel wachsen

Die PEW-Erhebung zeigt, dass sich nicht nur in England Zweifel an der EU breitmachen. In den beiden letzten Jahren sind diese Zweifel beträchtlich gewachsen, wobei der Euro-Skeptizismus sowohl bei Rechten wie bei Linken an Boden gewonnen hat.

Das Unbehagen an der Brüsseler Gemeinschaft geht zu einem guten Teil auf die Handhabung der Flüchtlingskrise zurück. 94 Prozent der Griechen, 88 Prozent der Schweden, 77 Prozent der Italiener und 67 Prozent der Deutschen lehnen sie ab. Unglücklich über die Wirtschaftspolitik der EU sind ungefähr zwei Drittel der Italiener, Franzosen und Spanier; nur in Deutschland und – erstaunlicherweise – in Polen findet die Wirtschaftspolitik der EU Zustimmung (in beiden Ländern 47 Prozent).

In den Römischen Verträgen von 1957, aus denen die Europäische Union hervorgegangen ist, verpflichten sich die Mitgliedsstaaten, eine "immer engere Union der Völker Europas" anzustreben. Dieser Verpflichtung hat sich der britische Ministerpräsident David Cameron schon im letzten Jahr vertraglich entzogen. Auch in anderen Ländern ist das Ziel umstritten. In sechs von zehn untersuchten Ländern befürworten die Bürger jedenfalls eine Rückführung der Entscheidungskompetenzen in die nationale Hoheit – am stärksten in Griechenland und England, doch selbst in Deutschland sind 43 Prozent dagegen, Brüssel weitere Kompetenzen zuzuschanzen.

Es ist höchste Zeit, dass die Brüsseler Kommission, aber auch die nationalen Regierungen aus diesen Erkenntnissen konkrete Konsequenzen ziehen. Brüssel braucht nicht über Ölfläschchen auf Restauranttischen zu entscheiden, über Duschköpfe oder die Breite von Traktorensitzen (jedenfalls nicht, solange europäische Bauernhintern nicht standardisiert sind). Mit der vielbeschworenen Subsidiarität muss endlich Ernst gemacht werden. Dann könnte auch nicht jeder Unsinn, der von den Mitgliedsstaaten initiiert wird, der Brüsseler Kommission in die Schuhe geschoben werden.

Wenn die PEW-Umfrage irgendeinen Trost bereithält, dann immerhin den, dass große Mehrheiten auf der Linken, in der Mitte und auf der Rechten des politischen Spektrums einen Brexit nicht für gut halten. Dafür gibt es überzeugende Gründe. Wenn wir Glück haben, werden sie auch einer Mehrheit der britischen Wählerschaft einleuchten. Aber dann müssen Europas Politiker aufhören, im Klein-Klein der EU herumzustochern. Was Not tut, ist, dass 500 Millionen Europäern wieder eine verlockende Vision vor Augen geführt wird.