Ohne die Briten ginge es auch

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Europa hat wochenlang fast ausschließlich ein Thema beschäftigt: Bleibt Großbritannien in der Europäischen Union? Oder stürzt es sich und die Gemeinschaft in das riskante Abenteuer namens Brexit? Die Brexit-Gegner sind nicht müde geworden, die Gefahren für das Land und für die verbleibenden 27 Mitgliedstaaten an die Wand zu malen: Rezession, Verlust von Arbeitsplätzen und Handelswegen, Einschnitte im Haushalt und Sozialetat auf der Insel; für die ohnehin krisengeplagte EU eine Existenzkrise, womöglich der Beginn eines europäischen Zerfallsprozesses.

Die Brexit-Befürworter verhießen den Briten mehr Souveränität und demokratische Selbstbestimmung, weniger Einwanderung und mehr Sicherheit, falls sie das Joch der Brüsseler Zwangsherrschaft abschütteln.

Heute ist endlich der Tag X, die Briten stimmen über Ja oder Nein zu Europa ab. Eine Frage, die zur Jahrhundertentscheidung hochstilisiert worden ist.

In der Tat geht es um viel: Bleibt das drittgrößte, nach Wirtschaftskraft sogar zweitstärkste Land der EU Teil der europäischen Völkerfamilie? Oder geht es nach 43 Jahren Mitgliedschaft wieder eigene Wege, womit es zum Vorbild für Nationalisten und EU-Gegner in anderen Ländern werden könnte?

Jetzt, wo die wilden Kampagnen vorbei sind, geht es für die Briten heute um eine eigentlich nüchterne Frage: Was ist für sie persönlich besser, was für ihr Land? Die Antwort hängt davon ab, ob der Einzelne Vorteile für sich durch die Mitgliedschaft sieht – oder ob er Angst hat vor dem Brüsseler Moloch, vor der angeblichen Massenimmigration vom Kontinent oder vor dem Verlust britisch-nationaler Heimeligkeit.

Unsichere Prognosen

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Brexit – und jetzt?

Brexit – und jetzt?

Der EU-Ausstieg ist entschieden. Was nun mit der britischen Wirtschaft passiert - 🇬🇧😳

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Wechselbad am Wertpapiermarkt

Wechselbad am Wertpapiermarkt

Großbanken erwarten nun einen Wirtschaftseinbruch und die größten Marktverwerfungen der vergangenen 50 Jahre.

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Das Pfund taucht ab

Das Pfund taucht ab

Kaum war das Brexit-Votum da, verlor das Pfund an Wert. Es fiel rasch auf 1,33 US-Dollar – der tiefste Stand seit 1985.

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Absturz oder Boom

Welcher Prognose kann man trauen?

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Die Boom-Voraussage

Es gibt bisher nur eine größere wissenschaftliche Studie, die der Economists for Brexit, die wirtschaftliche Vorteile bei einem Brexit voraussagt.

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Möglich, aber unwahrscheinlich

Das wäre ein starkes Signal, könnte aber als neuer deutsch-französischer Führungsanspruch verstanden werden.

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Welche negativen Folgen ein Brexit für die Briten hätte, kann niemand sagen, denn es gibt ja keinen Präzedenzfall, sondern nur Prognosen und Schätzungen. Vieles hängt davon ab, welches Verhältnis ein eigenständiges Großbritannien zur EU künftig hätte.

Bliebe es Teil des gemeinsamen Marktes und würde sich auch sonst eng an die Gemeinschaft binden? Das würde die Auswirkungen für die britischen Unternehmen und Banken mildern und es ihnen ersparen, sich neue Märkte erschließen zu müssen.

Das wäre auch für die Wirtschaft in den anderen Mitgliedsländern vorteilhaft, denn dann würden die in mehr als vier Jahrzehnten gewachsenen Bindungen nicht mit einem Schlag gekappt. Beide Seiten könnten weiter von dem profitieren, woran vor allem den Briten gelegen ist, von einem freien Binnenhandel.

Die EU muss sich ohnehin reformieren

Weil man aber erst wissen kann, ob es so kommt, wenn die Austrittsverhandlungen abgeschlossen sind, würde bis dahin sowohl in Großbritannien, als auch in der Rest-EU weiter große Unsicherheit herrschen. Die Finanzmärkte würden daher wohl gleich nach einem Brexit-Votum heftig gegen das Pfund und den Euro spekulieren, Investoren würden sich zurückhalten, Unternehmen aus Drittländern wüssten nicht, ob ein Europa der 27 noch so stark wäre wie bisher. 

Vor allem aber würde die europäische Idee unter einem Brexit leiden. Denn bisher beruht sie auf dem Grundgedanken einer immer engeren europäischen Integration. Ein Ausscheiden eines Mitgliedslandes, noch dazu eines so bedeutenden wie Großbritannien, war bislang nicht vorgesehen. Vorwärts immer, zurück nimmer – dieser alte DDR-Slogan galt bislang auch in der EU.

Ein Bremsklotz für die EU

Wäre ein Austritt Großbritanniens aber wirklich eine solche Katastrophe, wie es in den vergangenen Wochen schien? So wichtig das Land für die Wirtschaft der Gemeinschaft ist, so war es doch stets ein Bremsklotz für die europäische Einigung. Bei fast allen Integrationsschritten der vergangenen Jahrzehnte hat es sich quergestellt und Ausnahmen für sich beansprucht. Bei der gemeinsamen Währung wollte es ebenso wenig mitmachen wie bei einer einheitlichen Einwanderungs- und Asylpolitik.

Ohne die ständigen Einsprüche aus London könnte es dem Staatenclub leichter gelingen, sich auf ein einheitliches Vorgehen zu verständigen.

Ein Brexit könnte deshalb auch einfach eine doppelte Chance sein. Für die Briten, ihre Politik wieder ganz nach eigenem Geschmack zu gestalten. Und für das übrige Europa, sich von einer Lähmung zu befreien.

Ein Ausscheiden Großbritanniens gäbe womöglich Anlass, die Kluft zwischen der EU und ihren Bürgern zu verringern. Denn die Bürger lasten der EU ja nicht zuletzt an, zu wirtschaftsorientiert und unsozial zu sein. Ohne die marktliberalen Briten würden sich die Gewichte innerhalb der Gemeinschaft von Ländern, die wie Deutschland auf die strikte Einhaltung der Schulden- und Haushaltsregeln bestehen, verschieben zugunsten von Ländern, die mehr Wert auf Wachstum und Bekämpfung der Arbeitslosigkeit legen.

Wohin will die EU?

Aber auch, wenn die Briten dafür stimmen, weiter zur EU zu gehören, kann sie nicht bleiben, wie sie ist. Wenn sich die Rauchschwaden des Brexit-Referendums verzogen haben, wird sie entscheiden müssen, wohin sie eigentlich will. 

Nicht nur die Brexitkrise, sondern auch die Euro- und Flüchtlingskrise haben die Grenzen des bisherigen Gemeinschaftsmodells aufgezeigt. Das Hangeln von Krisengipfel zu Krisengipfel, das Kungeln zwischen den Hauptstädten und Brüssel – diese intransparente, undemokratische Veranstaltung verhindert nicht nur die Lösung von Problemen, sondern entfremdet die EU auch von ihren Bürgern. In Großbritannien zeigt sich das womöglich in der heutigen Volksabstimmung. 

Wenn sich die EU nicht grundlegend reformiert, könnten bald Abstimmungen in weiteren Ländern folgen. Das wäre dann eine weit größere Katastrophe als ein Brexit.

Großbritannien - Was passiert nach dem Brexit? Einer jüngsten Umfrage unter EU-Bürgern zufolge wünscht sich eine Mehrheit von 54 Prozent, dass Großbritannien in der EU bleibt. Was würde passieren, falls die Briten am 23. Juni tatsächlich für den Austritt aus der EU stimmen?