Weil man aber erst wissen kann, ob es so kommt, wenn die Austrittsverhandlungen abgeschlossen sind, würde bis dahin sowohl in Großbritannien, als auch in der Rest-EU weiter große Unsicherheit herrschen. Die Finanzmärkte würden daher wohl gleich nach einem Brexit-Votum heftig gegen das Pfund und den Euro spekulieren, Investoren würden sich zurückhalten, Unternehmen aus Drittländern wüssten nicht, ob ein Europa der 27 noch so stark wäre wie bisher. 

Vor allem aber würde die europäische Idee unter einem Brexit leiden. Denn bisher beruht sie auf dem Grundgedanken einer immer engeren europäischen Integration. Ein Ausscheiden eines Mitgliedslandes, noch dazu eines so bedeutenden wie Großbritannien, war bislang nicht vorgesehen. Vorwärts immer, zurück nimmer – dieser alte DDR-Slogan galt bislang auch in der EU.

Ein Bremsklotz für die EU

Wäre ein Austritt Großbritanniens aber wirklich eine solche Katastrophe, wie es in den vergangenen Wochen schien? So wichtig das Land für die Wirtschaft der Gemeinschaft ist, so war es doch stets ein Bremsklotz für die europäische Einigung. Bei fast allen Integrationsschritten der vergangenen Jahrzehnte hat es sich quergestellt und Ausnahmen für sich beansprucht. Bei der gemeinsamen Währung wollte es ebenso wenig mitmachen wie bei einer einheitlichen Einwanderungs- und Asylpolitik.

Ohne die ständigen Einsprüche aus London könnte es dem Staatenclub leichter gelingen, sich auf ein einheitliches Vorgehen zu verständigen.

Ein Brexit könnte deshalb auch einfach eine doppelte Chance sein. Für die Briten, ihre Politik wieder ganz nach eigenem Geschmack zu gestalten. Und für das übrige Europa, sich von einer Lähmung zu befreien.

Ein Ausscheiden Großbritanniens gäbe womöglich Anlass, die Kluft zwischen der EU und ihren Bürgern zu verringern. Denn die Bürger lasten der EU ja nicht zuletzt an, zu wirtschaftsorientiert und unsozial zu sein. Ohne die marktliberalen Briten würden sich die Gewichte innerhalb der Gemeinschaft von Ländern, die wie Deutschland auf die strikte Einhaltung der Schulden- und Haushaltsregeln bestehen, verschieben zugunsten von Ländern, die mehr Wert auf Wachstum und Bekämpfung der Arbeitslosigkeit legen.

Wohin will die EU?

Aber auch, wenn die Briten dafür stimmen, weiter zur EU zu gehören, kann sie nicht bleiben, wie sie ist. Wenn sich die Rauchschwaden des Brexit-Referendums verzogen haben, wird sie entscheiden müssen, wohin sie eigentlich will. 

Nicht nur die Brexitkrise, sondern auch die Euro- und Flüchtlingskrise haben die Grenzen des bisherigen Gemeinschaftsmodells aufgezeigt. Das Hangeln von Krisengipfel zu Krisengipfel, das Kungeln zwischen den Hauptstädten und Brüssel – diese intransparente, undemokratische Veranstaltung verhindert nicht nur die Lösung von Problemen, sondern entfremdet die EU auch von ihren Bürgern. In Großbritannien zeigt sich das womöglich in der heutigen Volksabstimmung. 

Wenn sich die EU nicht grundlegend reformiert, könnten bald Abstimmungen in weiteren Ländern folgen. Das wäre dann eine weit größere Katastrophe als ein Brexit.

Großbritannien - Was passiert nach dem Brexit? Einer jüngsten Umfrage unter EU-Bürgern zufolge wünscht sich eine Mehrheit von 54 Prozent, dass Großbritannien in der EU bleibt. Was würde passieren, falls die Briten am 23. Juni tatsächlich für den Austritt aus der EU stimmen?